Ich kenne Dich nicht



Ich kenne Dich nicht,
und doch bist Du mir vertraut.
Deine Handlungen, Dein Gesicht,
Deine Reden, Deine Gesten,
als seiest Du ein Teil von mir.

Kann es sein, dass wir uns begegnet sind,
irgendwann, in früherer Zeit?
Kann es sein, dass sich unsere Seelen trafen,
als wir noch unbedarft und unwissend waren?
Wie hast Du mich erkannt?

Eine Antwort darauf, werden wir nicht erfahren.
Wir nehmen an, teilen,  und lassen uns treiben.
Müssig ist, die Begebenheit nicht zu geniessen,
ohne jeglichen gegenseitigen Anspruch.

Neben Liebe gibt es weitere Schlüsselworte:
Vertrauen, Gönnen, Toleranz.
Gebündelt ist jede Beziehung unschlagbar.

© Christiane Rühmann

Ehe


Wenn überhaupt, von Gedankenzellen angeregt,
ein Mann sich in die Bresche legt,
und dann nur für eine weibliche Figur.

Doch woher kommt dieses Leiden nur,
dem er erlegen ist?
Er mit sich selbst nicht zufrieden ist,
weil sein Bauch zu rundlich,
deshalb die Seele zu verwundlich,
und sein Haarwuchs nicht sehr prächtig,
er seiner Sinne nicht mehr mächtig?

Erreicht ihn jetzt die Midlife-Krisis,
die ihn vergessen liess,
dass auch er nicht mehr so toll?
Hat er seine Nase voll
vom Lauf des allgemeinen Daseins?
Gedächtnis hat er jetzt mehr keins?

Ich finde es beachtenswert,
wenn sich keiner um sein Leiden schert,
und ihn sich überlässt dem Leiden.
Hier sich Spreu und Weizen scheiden.
'In guten, wie in schlechten Tagen',
wagte er einstmals auszusagen,
'wollen wir treu uns sein im Leben.
Es wird nie eine Andere geben,
der ich jemals hörig bin'.

Was macht ein Ehe also für einen Sinn,
wenn der Bauch wird fetter und fetter,
sein Verhalten immer netter
gegenüber jüngeren Figuren,
die ihn einmal bringen auf Touren?
Will er denn nur einmal huren?

Geheuchelt also jedes Wort?
Frau nimmt es hin, erleidet es schweigend,
denkt dabei schon an Mord,
schwer in ihrer Seele leidend,
erkennt sie doch, dass dies Verhalten,
gehört zu Männern, die schnell altern.

Gemeinsam mit des Lebens Tanz,
erhöht sie ihre Toleranz.
Sie wird – manch Eine wäre neidig,
ganz locker und bleibt geschmeidig.

Das Leben gab ihr Zuversicht,
dass ihr ‚Ja-Wort‘ nicht einfach bricht.
Drum hat sie sich vorgenommen,
dem Alternden entgegen zu kommen
und stylt sich richtig mächtig auf.

Diese Ehe nimmt nicht ihren Lauf
und durch das neue Out und Fit,
der Mann fast einen Schock erlitt,
als offenherzig seine Frau, die Alte,
liess sich füllen jede Falte.

Erstaunlich, wie des Mannes Trieb,
ihn wieder in ihre Arme trieb.
Doch es war nicht nur die Faltenspritze,
sondern letztendlich ihrer Liebe Hitze.

Sie waren gegangen durch Dick und Dünn.
Das schmeisst man nicht so einfach hin.
Man(n) springt auch mal über seinen Schatten,
hat Nachsicht mit dem alten Gatten…..

© Christiane Rühmann

Schoppen


Puuh, war das heute wieder ein Tag. Anne hat Geburtstag und ich habe ihr versprochen, beim Catering zu helfen. Ich freue mich jedesmal, dass meine Salate so gut ankommen.

Der Grundplan stand. Es sollte gegrillt werden, schliesslich hatten wir endlich ein regenfreies Wochenende zu erwarten. Zum Grillen gehören halt einfach Salate. Also dann, los zum einkaufen.

Als Erstes habe ich ein wenig geLIDLt. Schliesslich hatte ich die Angebote im Radio gehört und wollte davon profitieren. Nachdem ich hier jedoch nicht alles kaufen konnte, was sonst noch so auf meinem Einkaufszettel stand, beschloss ich AL(l)DI anderen Sachen beim nächsten Discounter zu erwerben. Mann, war das voll hier! Das ist ja schrecklich. Für zwei Artikel sollte ich 10 Minuten an der Kasse stehen? Näh, nichts wie raus hier und zum nächsten Schuppen.

Da ich auf jeden PENNY achten musste, war ich natürlich auch darauf erpicht, sparsam einzukaufen. Ich schlenderte hier durch die Gänge und stellte entsetzt fest, dass es in der Gefriertruhe nicht die Dill-Kräuterpakete gab, die ich für meinen Gurkensalat benötigte.

Was blieb mir also anderes übrig, als weiterzuziehen. Wegen so einem geringen KAUF PARKen, wo die Parkdecks immer so überfüllt sind? Das musste ich mir nochmal durch den Kopf gehen lassen. Was blieb mir denn sonst auch noch anderes übrig? Ich überprüfte meine Einkaufsliste.

Ach ja, ich könnte, um NETTO, also unter dem Strich doch noch gut wegzukommen, mal versuchen, ob ich da die offenen Posten meines Zettels abdecken konnte. Oh, ich war überrascht. Hier gab es interessante Angebote. Das konnte ich noch gebrauchen, und Jenes auch.

Ich hatte meinen Einkaufskorb schon wieder halb gefüllt, konnte jedoch keinen Dill finden. Mal ehrlich: Gurkensalat ohne Dill geht ja gar nicht!

SPAR  Dir also Dein weiteres Suchen und versuche es mal im Einzelhandel‘, dachte ich und machte mich erneut auf den Weg. Diesmal hatte ich Glück. Von der Kassiererin an der Kasse musste ich mich jedoch blöd anblaffen lassen: „Na, Grosseinkauf gemacht?“

Als wenn ein TK-Paket Dill nichts kosten würde! Was bildete sie sich ein? Anständig, wie ich aber nun mal bin, wünschte ich ihr höflich ein schönes Wochenende und verliess den Laden.

‚Da war doch noch was….‘, dachte ich, und überprüfte erneut meine Liste. Mensch, das Wichtigste hätte ich ja fast vergessen! Das Geschenk für Anne. Ich wollte ihr doch für einige TAKKOs einen Gutschein kaufen. Den kann man immer gebrauchen. Genau, da KIcK ick mol in.

O.k., das sollte aber das Letzte sein, was ich an diesem wuscheligen Samstag Vormittag erledigen wollte. Der Blick auf meine Liste gab mir Recht.

Allerdings war mein Auto da anderer Meinung. Ich hatte ja TOTAL vergessen zu tanken. So fuhr ich zum Schluss noch runter von der Piste und befüllte meine alte Kiste.

© Christiane Rühmann

Eigenarten


„Peeeetäär, kannst Du mal bitte kommen?“

„Was ist denn schon wieder, und wo bist Du?“

„Ich bin im Bad, beeil Dich!“

Katja war etwas leicht angesäuert, weil Peter die dumme Angewohnheit besass, die Zahncremetube immer von oben her auszudrücken. Ständig musste sie von unten beginnen, den Inhalt der Tube nach oben hin, zum Ausgang, hochzuschieben. Dabei wurden dann auch entsprechende Streifen, die man extra eingebaut hatte, durcheinander gebracht. Dadurch gab es nur noch, statt rot/weiss, grün/weiss oder blau/weiss, irgendein Durcheinander, was ihr persönlich zu unappetitlich erschien. Auch glaubte sie, dass die Zahncreme dadurch nicht mehr die gewünschte Wirkung hervorbringen würde.

„Was ist denn“, wollte Peter wissen.

„Mensch, kannst Du nicht mal endlich die Zahncreme von unten nach oben ausdrücken? Das geht mir so auf den Keks! Jeden Morgen und Abend muss ich die Tube richten. Weisst Du überhaupt, wie die Streifen in die Tube gelangen und wozu sie dienen? Das habe ich mal in der Sendung mit der Maus gesehen. „

„Ja klar weiss ich das. Aber dass Du Dich so darüber aufregen kannst?! Ist doch egal, in welcher Konstellation die Masse aus der Tube kommt, sie erfüllt auf jeden Fall ihren Zweck.“

Peter grinste und kicherte in sich hinein, weil sich Katja so über sein Verhalten aufregte.

„Aber, wo wir gerade mal dabei sind“, meinte er:

 „Mich regt total auf, dass Du Deine Schmutzwäsche immer auf den Boden wirfst, statt sie in den Wäschebehälter im Badezimmer zu werfen. Das regt mich auf! Und, dass Du immer alles auf Links ausziehst!“

„Wieso, ich muss sie doch sowieso waschen und sortieren. Lass das mal meine Sorge sein!“

Katja konnte seine Empörung absolut nicht verstehen. Schliesslich war das Wäsche waschen ihre Aufgabe, während Peter lediglich seine eigene Wäsche bügeln musste, und sie die ihre. Wo war also das Problem? Warum regte er sich darüber so auf?

„Und wozu, bitteschön, haben wir dann einen Wäschepuff?“

Peter spürte mittlerweile seine Halsschlagader pochen. Wozu denn die ganzen Anschaffungen, wenn sie doch nicht sinngemäss benutzt wurden?

„Lass mich doch in Ruhe und sieh zu, dass Du künftig Deine Zahncreme vernünftig ausdrückst!“

Auch Katja verspürte einen gewissen Zorn in sich hochsteigen. Sie hatte sich sogar so sehr ereifert, dass sie auf dem Badewannenrand Platz nehmen musste, um nicht zu entgleisen und erstmal wieder ‚runter zu kommen‘.

Das gab Peter dann doch zu denken.

„Schatz, geht es Dir nicht gut?“

Peter geriet nun doch leicht in Sorge, als er Katja so aufgewühlt auf dem Wannenrand sitzen sah.

„Danke, geht schon wieder. Sag mal, können wir uns nicht arrangieren? Können wir nicht ganz einfach das akzeptieren, was der Eine an dem Anderen auszusetzen hat? Wir sind doch beide erwachsen und können miteinander reden. Also ich verspreche Dir, meine Wäsche künftig in den Wäschekorb abzulegen. Sortieren muss ich die Kleider eh. Und Du – könntest Du nicht versuchen…….“

„Ja, Schatz, versprochen, ich werde meine Zahncreme künftig von unten her ausdrücken und auf meine Zahnbürste aufbringen.“

Er nahm sie zärtlich in den Arm und kredenzte ihr einen zärtlichen Kuss auf ihre, vor Eifer doch recht feucht gewordene, Stirn.

Liebevoll schmiegte sich Katja an die ‚Liebe ihres Lebens‘, ihren Peter.

Ihre gemeinsame Zukunft gestaltete sich von diesem Zeitpunkt an, wesentlich harmonischer.

Ich könnte neidisch werden auf die beiden, wenn – ja wenn es da Jemanden geben würde, der sich mit mir über meine Eigenarten zanken würde.

Wer weiss, wozu es alles ist, wie es ist……

© Christiane Rühmann

Schöne Momente



Ruhe suchend – Ruhe findend.-
Unschlagbare Momente.

Schönheit, Anmut, unglaubliche Gebilde
der Wolken, des Universums,
in dem unglaublich weiten Gefilde.

Wolken, in Gestalt von Meeres Woogen,
meine Sinne berühren.
Des Dichters Worte – nicht gelogen,
mich in Träume entführen.

Wo kann ich jemals so sicher sein,
wo, ausser in der Natur,
wo mag ich denn lieber sein,
losgelöst, ganz ich sein, nur.

Farben, Gebilde, auch Gestalten,
der kreativen Wolken,
lassen mein ICH-SEIN erhalten,
was für mich wichtig im Leben,
wollen neue Kraft mir geben.

Geatmet, aufgetankt von dieser Sicht,
sich jetzt die Sonne im Dunkel bricht.
Doch hat sie ihre Energie gegeben,
um mir neue Kraft zu geben.

Getrost, während sich der Abendnebel erhebt,
schöpfe ich diese neue Kraft.
Diesen Tag habe ich bewusst erlebt.

Ich liebe diese klaren Momente,
zu stärken meinen Sinn,
und sie geben, dank der klaren Elemente,
meinem Morgen neuen Sinn.





                                                              © Christiane Rühmann

Kaffeefahrt


Auf Kaffeefahrt macht sich Else Biestich,
mit ihren Freundinnen in die Eifel.
Noch hatte jeder keine Zweifel,
ob er erhalten werde, was versprochen:
In einem Block ein Messerset,
was wohl jeder gerne hätt,
und für den Körper eine Creme,
die auch Prominenz gern nehme,
dazu noch Kaffe und auch Kuchen.
Sie wollten es halt mal versuchen.

Angereist vor dem Lokal, aus dem Bus sie steigen.
Sich reckend und streckend jedoch sie zeigen,
dass ihre Körper nicht mehr ganz so frisch.
Sie gehen also ins Lokal, durch, bis hin zum grossen Saal,
zogen ihre Mäntel aus und suchten sich ´nen netten Tisch,
um ganz nah am Geschehen zu sein,
wie konnte es auch anders sein.

Mathilde kreist den Kopf, um sich einzurenken,
Doris kann vor Schmerz im Knie kaum denken
und Else schaut sich zaghaft um, bemerkt dann,
dass alle Teilnehmer in die Runde stierten
und wie sie, auf die Geschenke gierten,
mit denen man alle angelockt.

Jetzt, wo jeder auf seinem Stühlchen hockt,
kommt so´n geschniekelter Mikro-Fritze,
reisst zur Begrüssung erstmal Witze,
schaut prüfend in die Kaffeerunde,
wünscht allen, dass es ihnen munde
und bittet dann ernsthaft um Gehör,
falls es niemanden weiter stör.

„Frau Schmitz“, meint er, „ich hab entdeckt,
dass Sie ein Zipperleinchen neckt.
Dagegen gibt es hier bei uns,
das weiss sogar schon Hinz und Kunz,
eine tolle magnetische Decke,
gestärkt mit 50.000 Gauss,
das hält kein Schmerzerreger aus.

Frau Meier, die ich jetzt begrüsse,
braucht einen Lammfellsack, für die Füsse.
Auch den kann man bei uns bestellen,
Sie werden dann schon sehn,
gut geht´s, vom Kopf bis zu den Zehen.“

Bald hat er alles vorgestellt,
was zu erwerben für teures Geld.
Schon sieht man die Alten von den Plätzen schiessen,
um einen Kaufvertrag abzuschliessen.
Nach einer weiteren guten Stunde,
löst er auf die Kaffeerunde.

Jedoch sind jetzt laute Stimmen zu vernehmen,
die Präsente mitzunehmen, die man versprochen hat.
Das macht den Moderatoren platt,
der jetzt versucht, sich rauszuwinden,
Ausflüchte zu erfinden, um die Meute still zu halten.
„Muss erstmal alles verwalten,
um zu sehen, was noch machbar bleibt,
Sie erhalten dann von mir Bescheid.“

Verschwindet schnell im Nebenraum,
manche Leute bemerken es kaum,
lässt er stehen die dumme Kaufnation,
steigt in sein Nobelauto schon,
um sich schnell dadurch zu tun.

Wie dumm hatte er sie behandelt,
alle hinter´s Licht geführt
und sie eiskalt abserviert,
obwohl sie doch irgendwie mit ihm verbandelt.
Ob es sich um einen Betrüger handelt?

Der Busfahrer ruft zur Heimfahrt auf
und lässt dem Schicksal seinen Lauf.
Es steigt eine geprellte Meute in den warmen Bus.
Manch Jemand die Tour bereute und hielt in seiner Hand,
den Zettel auf dem stand:
Für Ihr Dasein erhalten Sie als Präsent……

Gibt es einen Leser (Hörer), der das auch schon kennt?

Else Biestichs Truppe löffelt noch heute an der Suppe,
die sie sich selbst eingeschenkt.
Und doch, wenn man so überdenkt,
geniesst lange noch die ganze Truppe,
die mit Gauss durchzogene Sofadecke
und den Lammfellsack, in den man die Füsse stecke.
Schliesslich gab es ja auch Kaffee und Kuchen,
was soll man da noch lange fluchen……..
© Christiane Rühmann  (14.06.2012)

Tränen



Sie erinnerte sich an eine Frau, die sie auf einer Schulung für Kosmetikerinnen kennen gelernt hatte.

Karin war im Grunde genommen sehr sensibel und einfühlsam. Allerdings hatten sie die Lebensumstände abstumpfen lassen. Weinen war ihr fremd geworden und zählte für sie als Schwäche.

Diese Frau, die in bereits fortgeschrittenem Alter ihre Ausbildung zur Kosmetikerin in Permanent-make-up absolvierte, übte auf Karin eine magische Empfindung aus.

Karin arbeitete stundenweise bei dem Ausbilder im Büro. Während der Schulungen, die die Absolventinnen wahrnehmen mussten, kam sie auch den Schülerinnen näher. In der Regel handelte es sich bei den Schülerinnen um junge Frauen, die bereits im Kosmetikbereich selbständig waren, oder vor hatten, sich im Kosmetikbereich selbständig zu machen. Man ging vor die Türe, um gemeinsam eine Zigarette zu rauchen und ein paar private Worte zu wechseln, eine Tasse Kaffee oder Tee zu trinken.

Karin fühlte sich in deren Gegenwart nie so recht wohl. Viel zu schmal war ihr finanzielles Budget, um sich annähernd so stylisch zu kleiden, wie es die jungen Leute taten. Diese Frau jedoch, die sie bereits aus vorangegangenen Schulungen kannte, machte auf sie einen relativ unkomplizierten Eindruck und war ihr auch sympathisch. Stets brachte sie irgendwelche Geschenke in Form von selbst gemachter Marmelade oder Konfitüre mit, von der auch Karin jeweils etwas abbekam.

An einem dieser Schulungstage schaute diese Frau in Karins Augen und meinte:

„Sie müssen weinen. Sie müssen viel mehr weinen.“

„Wieso“, wollte Karin wissen, „warum sollte ich das tun?“

„Weil sie ein Problem haben, dessen Sie sich entledigen sollten. Fressen Sie nicht alles in sich hinein. Weinen hilft und durch die Tränen werden negative Gedanken aus Ihrem Körper ausgespült. Ihr Gesicht wird sich noch mehr verschönen und Sie werden sich wieder wohl fühlen.“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich mich nicht wohl fühle, und woher wollen Sie wissen, dass ich nicht weine?“, interessierte sich Karin.

„Sie sind schlau, aber Sie sind unglücklich“, antwortete die Frau.

Karin wurde unwohl. Es war so. Die Frau hatte Recht. Immer dann, wenn es krass wurde, beschwor sich Karin, nicht weinen zu wollen, um sich ihre eigene innere Stärke zu beweisen. Grund zum Weinen hatte sie ja genug in ihrem Leben, vor allen Dingen in den letzten Jahren gehabt. Immer bemühte sie sich, negative Dinge und Schicksalsschläge zu überwinden, indem sie nicht weinte, immer die Starke zu mimen. Woher erkannte diese Frau, die ihr vollkommen fremd war, was ihr fehlte?

„Woher wollen Sie denn wissen, ob ich unglücklich bin?“, fragte Karin provokant die Mittsechzigerin.

Diese lächelte Karin nur an und meinte:

„Denken Sie mal an meine Worte, wenn Sie Zeit für sich haben. Lassen Sie Ihren Tränen freien Lauf, weinen sich alles von der Seele, bedauern sich, lieben sich, pflegen sich und geben Sie sich selbst eine Chance, wieder in Ihr Gleichgewicht zu kommen. Sie werden bemerken, dass es Ihnen danach besser geht.“

Karin verblüffte diese Aussage und sie bemerkte, wie es ihr unangenehm wurde, dieser Frau gegenüber zu treten. Röte trat in ihr Gesicht, fast schon Scham.

Aber warum war es ihr unangenehm? Hatte sie letztendlich Recht, hatte sie die richtige Diagnose getroffen? Ihr war auf einmal nicht mehr wohl und sie sehnte sich dem Feierabend entgegen. Grübelnd hatte sie sich von der Truppe verabschiedet, ging zu ihrem Fahrzeug und fuhr nachdenklich nach Hause.

Noch am selben Abend überkam sie der Gedanke an ihr gebeuteltes und hartes Leben. Nie hatte sie wirklich darüber nachgedacht. Im Gegenteil, stets wollte sie alles meistern und hatte sich selbst dabei aus den Augen verloren, aber auch alles gemeistert.

Als sie zu Bett gehen wollte,  im Bad stand, und sich der Pflege hingab, fiel ihr ein Spiegel zu Boden, der in hunderte von Splittern zerbarst. Niemals zuvor hatte sich Karin darüber geärgert oder gewundert. Allzeit hatte sie es so hingenommen. Heute war es anders.

„Mist“, sagte sie lautstark zu sich selbst, weil sie sich ärgerte, so ungeschickt gewesen zu sein, den Kosmetikspiegel fallen gelassen zu haben.

Plötzlich begann sie zu weinen. Ihre Tränen wollten nicht mehr aufhören, über ihr Gesicht zu rinnen. Wieder war sie in Versuchung, sich zu zwingen, nicht zu weinen, doch dann erinnerte sie sich an die Worte der Frau:

„Sie weinen zu wenig.“

Karin konnte sich nicht erklären, warum sie es jetzt tat. Sie weinte, fast unaufhörlich, etwa zehn Minuten lang. Schluchzend saß sie auf dem Badezimmerteppich und ließ den Tränen ihren Lauf.

Lange Momente, in denen ihre negativen Erlebnisse vor ihren Augen einen Film bildeten, der niemals enden wollte. Hatte das einen Sinn? Tränen?

Karin beruhigte sich allmählich wieder, und die Frau fiel ihr ein, der sie morgen wieder gegenüber stehen würde. Würde diese das bemerken?

Irgendwie erleichtert erhob sie sich, ordnete noch kurz ihr Haar, sammelte die Spiegelscherben auf, warf diese in den Mülleimer, und ging ins Bett.

‚Habe ich da jetzt etwas weggeworfen, was mich belastet hat?‘, dachte sie, als sie langsam dem Schlaf verfiel.

Am anderen Morgen ging sie wieder ihrer Bürotätigkeit nach. Die Schülerinnen waren bereits eifrig damit beschäftigt, ihrer Ausbildung nachzugehen, als diese ältere Frau auf Karin zutrat, ihr in die Augen schaute und meinte:

„Hat gut getan, oder? Weiter so, es wird Ihr Leben erleichtern…“

Merkwürdig. Sie lächelte die Frau an und streckte ihr ihre Hand entgegen, die behutsam angenommen und von der anderen umschlungen, irgendwie liebevoll, gedrückt wurde.

Karin begegnete dieser Frau nie wieder. In ihrem Küchenschrank befanden sich jedoch noch fünf  Gläser mit selbstgemachter Marmelade, die ihr diese Person eigens mitgebracht hatte.

Seither wird Karin bei jedem Frühstücksbrot daran erinnert, dass auch Tränen sich sehr hilfreich auf gebeutelte Seelen auswirken können……

© Christiane Rühmann