Ist Euch das auch schon mal passiert: Ihr kennt jemanden seit Jahren vom Telefon her und hat von seinem Aussehen lediglich eine Vorstellung. Ist der/diejenige dick, gross, klein, dünn, Brille, Glatze usw. Das ist doch immer spannend, oder?
So erging es mir in den 70-er Jahren. Mit einem Verkäufer einer Mega-Fleischhandlung aus Hamburg telefonierte ich täglich und gab die Bestellung für den nächsten Tag durch oder klärte die Eingangsgewichte der gelieferten Tiere am selben Tag ab. Es meldete sich immer der selbe Verkäufer, namens "M". Dabei kamen wir im Lauf der Zeit auch dazu, uns zu duzen und dann auch noch unsere Gespräche immer persönlicher und vertrauter werden zu lassen. Oft telefonierten wir sogar mehrmals täglich. Wenn meine Kolleginnen auf ihrem Display die Hamburger Nummer sahen, scherzten sie bereits: "Für Dich Chris, Dein "M", und nahmen den Höhrer erst gar nicht ab.
Ich vermied jedoch, mit ihm zu korrespondieren, wenn mein Chef sich im Büro befand, oder ich tat dann äussert geschäftlich, so dass mein Gesprächspartner sehr flink reagierte und das Telefonat beendete, um sich später nochmals zu melden. Unser Chef hatte absolut kein Verständnis für so ein privates Geplänkel während der Arbeitszeit, das blieb nur ihm vorbehalten. Irgendwie kann ich ihn ja auch verstehen. Es gab noch keine Flat und keine Verbindungsnachweise...
Das ging so etwa zwei Jahre, bis sich eine Gelegenheit ergab, "M" persönlich kennen zu lernen, und das kam so:
Neben unserer Betriebsstätte gab es eine kleine urfurzgemütliche kleine Kneipe, wo ich mich mit meinen Kollegen öfters aufhielt. Sie wurde von einer älteren, damals bereits 70-jährigen lustigen Dame, nicht viel grösser als eine Parkuhr, betrieben. Marta konnte den besten Kartoffelsalat und die schmackhaftesten Reibekuchen Europas zubereiten. Hhmmm, schon bei dem Gedanken daran, läuft mir jetzt das Wasser im Mund zusammen.Aber auch sonst war Marta fit wie ein Turnschuh. Manche Flipperrunde gewann sie sogar gegen die Fittesten unter ihren Gästen und kicherte dann triumphierend. Es ging dort immer sehr lustig zu.
Im April 1977 hatte Marta ihre zwei Jahre ältere Schwester aus Hamburg für vier Wochen zu Besuch. Auch Ilse "Ilschen" war so flott drauf. Oft erzählte sie irgendein Seemannsgarn. Das hatte sie wohl von ihrem verstorbenen Mann, der einst zur See gefahren war. Im Dämmerlicht der Thekenbeleuchtung und in dem Nebel von Ilschens Zigarillos, sowie ihrem bereits recht knitterigem Gesicht, konnten einem schon manchmal die Nackenhaare steigen!!
Aber dann, eine Woche vor ihrer Heimreise, vertrat sie sich den Fuss und konnte nur noch mit Gehhilfe laufen. Wie sollte sie nun nach Hause kommen ? Unmöglich, dass sie mit ihrem Gepäck in dem gebuchten Zug fuhr!
Bei mir fuhren ganz langsm die Antennen aus, als ich von ihrem Mißgeschick erfuhr.
Ich erzählte meinem Telefonfreund "M" davon und auch, dass ich in Erwägung zog, Ilschen mit dem Auto nach Hamburg zu fahren, um dann noch das Wochenende bei ihr zu verbringen.
"Mensch", rief er am anderen Telerfonende: "Das ist doch die Gelegenheit, uns zu treffen! In Hamburg ist Hafenfest, ich lade Dich ein und Sonntag früh hole ich Dich ab zum Fischmarkt!"
Cool, genau so hatte ich mir das vorgestellt!
Ilschen jedenfalls war begeistert von meinem Vorschlag, sie nach Hause zu fahren und hatte mir natürlich angeboten, das Wochenende auf ihrer Couch zu verbringen. Ich hatte ihr auf der Heimfahrt erzählt, dass ich ein "blind date" hätte. Sie fand das total aufregend und überdimmens spannend. Sie überliess mir sogar ihren Wohnungszweitschlüssel, damit ich mich austoben konnte und zeitlich nicht gebunden war.
Ich hatte "M" die Rufnummer von Ilschen gegeben, damit wir uns am Freitag Abend noch kurz für den nächsten Tag abstimmen konnten. Handys gab es ja noch nicht.
Ich hatte in der Nacht zum Samstag sehr unruhig geschlafen - nun ja, ich war halt sehr aufgeregt!
Pünktlich um 8.00 Uhr früh stand ich, wie verabredet, vor der Haustürnund wartete auf meinen Abholer. "M" hatte mich bereits gesichtet, als ich das Haus verliess. Er stieg aus seinem fetten Mercedes aus und kam mir lächelnd entgegen. Ich traute meinen Augen nicht und hoffte, dass er meine Enttäuschung nicht bemerken würde. Der Stimme nach sah er doch gaaanz anders aus...!! Oh je...!
Brav blieb ich bei seiner Umarmung stehen, gab mein Händchen und gab vor, mich echt zu freuen. Tja, das hat man davon, wenn die Sinne Augen kriegen!
"M" war 1,90 m gross und sehr kräftig, etwat 3 x XXl oder so. Er begleitete mich Gentleman-like zur Beifahrertür und liess mich in die schmucke Limousine einsteigen. Aus meinen Augenwinkeln merkte ich, wie er mich ansah und dann schliesslich meinte: "Na, mien Deern, is ans klar?" "Ja, klar" stammelte ich .Wir fuhren zuerst in ein Restaurant am Hafen, um ausgiebig zu frühstücken. Währenddessen wurde er mir immer symphatischer. Wir lästerten und kicherten über so belanglose Dinge, dass ich mir - .....wie...am Telefon vorkam. Nach dem Frühstück zeigte er mir Hamburg. Wir fuhren mit dem Boot über die Alster und besuchten am Nachmittag noch einen Jahrmarkt, wir hatten mächtig Spass. Ich fühlte mich sogar mittlerweile schnuckelig geborgen in seiner Nähe. Das hätte ich am Anfang nicht gedacht.
Nach dem ausgedehnten 4-Gänge-Menue bei Kerzenschein und Wein, liessen wir den Abend gegen 23.00 Uhr ausklingen. Wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung bis zum nächsten Morgen um 6.00 Uhr.
Auf ging es heute zum Fischmarkt und zum Hafenfest!
Ich war beeindruckt von den vielen Marktschreiern und der Vielfältigkeit der Angebote. In einer Fischerkneipe nahmen wir einen echten Grog, der mich fast von den Füssen haute, und der uns in die richtige Marktstimmung versetzte. Hamburg schien sich allmählich mit Menschen zu füllen. Alle begaben sich in Richtung Hafen, wegen des Hafenfestes. Das Wetter war uns heute nicht so hold und ich begann zu frösteln. "M" legte mir behutsam sein Jacket über die Schultern und umarmte mich. Mir wurde warm.....
Ich gab es erst zurück, als wir uns gegen 15.00 Uhr auf den Weg zu Ilschen machten. Aaachch, schaaade, ich wäre gerne noch länger geblieben, aber schliesslich musste ich noch über 400 km fahren und am anderen Morgen pünktlich im Büro sein, um mit einem gewissen Herrn "M" die Gewichte der angelieferten toten Tiere am Telefon abzustimmen......
Zum Abschied gaben wir uns vor Ilschens Haus einen zarten Kuss - auf den Mund - und waren uns einig, dass dies das schönste Wochenenden war, das wir seit langem gehabt hatten....
Christiane Rühmann
Posts mit dem Label Kneipe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kneipe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Wo sind meine Räder??


An einem Freitagabend im Sommer 1975. Wie immer war ich abends on Tour. An diesem Abend mußte ich mal nicht kellnern, sondern konnte mich selbst zur Abwechslung mal bedienen lassen. Wenn es so ein Abend war, an dem ich ausging, hatte ich natürlich -wie immer- meine Gitarre dabei, um für den Fall gewappnet zu sein, dass es plötzlich ein Picknick geben sollte oder jemand in irgendeiner Kneipe Geburtstag hatte und man ihm ein Ständchen bringen sollte.
Ich wurde darum von den meisten Menschen geliebt und habe mir auf diese Weise zusätzlich noch ein paar Kröten verdient. Darum konnte ich es mir auch erlauben, immer die angesagtesten Autos zu fahren. In diesem Jahr besaß ich ein Prachtstück von BMW, den 1802. Ich war sehr stolz auf meinen Flitzer und hatte ihn mir im Lauf der Zeit ein wenig tunen lassen. Meine letzte Errungenschaft hierzu waren ein Satz breite Alu-Felgen mit Weißwandreifen. Jeder beneidete mich um dieses Auto, mit dem man sehr gut tief fliegen konnte - weil, hoch fliegen ging nicht, da hätte ich mir ja die Flügel verbrannt……grins
Damit hatte ich unter anderem einige Slalom- und Bergrennen im Bayrischen Wald bestritten.
Zunächst begann der Abend langweilig, doch dann betraten eine Gruppe niedlicher junger Knilche den Gastraum und gesellten sich um die Theke. Ich saß mit einigen Mädels an einem Tisch und unterhielt mich. Irgendwie gab es dann eine Runde Bier, ausgegeben von den Frischlingen. Wir boten ihnen deshalb an, sich zu uns an den Tisch zu setzen. Ab da wurde der Abend lustiger. Wir spielten Billard und flipperten eine lange Weile. Dann meinte meine Freundin, dass wir doch auch mal was anderes spielen könnten, z.B. “die Reise nach Jerusalem” . Dazu benötigten wir jedoch Musik, die jederzeit aufhören und wieder neu beginnen konnte. Also holte ich mein “Klavier”, wie ich meine Gitarre liebevoll nannte, aus dem Auto. Offensichtlich wurde ich dabei beobachtet, warum, werdet Ihr gleich erfahren.
Es wurde noch ein richtig lustiger Abend. Wie es so üblich ist, gingen die Jungen mit ihresgleichen auf die Toilette, genau wie die Mädchen. Eins war nur sehr merkwürdig, irgendwie brauchten die Jungs immer viel länger, als wir, obwohl sie sich nicht das Näschen pudern mußten.
Es war mittlerweile spät geworden und alle brachen nach und nach auf, um nach Hause zu fahren. Also begab ich mich auch zu meinem Auto, schloß auf und stieg ein, ließ den Motor an, legte den Gang ein und wollte losfahren. Doch was war das??? Der Motor heulte auf und das Auto bewegte sich nicht von der Stelle. Den Leerlauf eingelegt, stieg ich aus und ging rings um den Wagen herum.
Nein!!! Man hatte mir meine Räder geklaut!!! Hätte ich doch besser 80 DM in Felgenschlösser investiert! Mist, und nun?
Ich ging zurück in die Kneipe und erzählte, was passiert war. Ich war so empört, dass ich fast vergaß, beim erzählen Luft zu holen. Zur Beruhigung bekam ich einen Schnaps vom Wirt, der dann kurz darauf mit mir nach draußen ging, um sich von meiner Geschichte zu überzeugen. Auch er staunte nicht schlecht. Man hatte das Auto ganz minimal vom Boden abgehoben und es dann auf Ziegelsteinen abgesetzt, um dann die Räder abzunehmen. Der Höhenunterschied war kaum wahrnehmbar. Und, was jetzt?
Ich wollte gerade einige Freunde von der der Gaststube aus anrufen, als langsam ein Rad aus dem Dunkel der Nacht auf mein Auto zugerollt kam, dahinter der zweite, dritte und schließlich der letzte. Wir stoppten sie und hörten es im Gebüsch laut knistern und anschließend vernahmen wir lautes Lachen.
Gröhlend und frech grinsend kamen die Frischlinge aus dem Gebüsch und meinten, dass dies doch nur ein Scherz gewesen sei, allerdings hätten sie die Räder auch gerne zu Geld gemacht, hätten mir dies dann jedoch nicht antun können.
Dann erwiesen sie sich doch noch als Kavaliere und montierten die Räder wieder auf die Achsen.
Gleich am nächsten Tag bin ich in einen Zubehörshop gefahren und habe mir einen Satz Felgenschlösser gekauft. Das sollte mir nie wieder passieren ……
(c) Christiane Rühmann
Abonnieren
Posts (Atom)

