Aus dem Altenheim...

Adele war mittlerweile 82 Jahre alt geworden und begann, ein wenig dement zu werden. Schlimm war das noch nicht, aber es machte sich mehr und mehr bemerkbar, weil sie Dinge begehrte, auf die sie bisher noch nie Wert gelegt hatte.

Sie hatte keine Verwandtschaft, keine Kinder und niemanden mehr, der sie besuchte. So verbrachte sie ihre Zeit damit, in Zeitschriften und Katalogen zu stöbern.

Unter den anderen Bewohnern gab es eine Menge Dementer, die wirklich nicht mehr wussten, was sie taten. Sie lebten in ihrer eigenen Welt. Bei ihnen engagierte sich Adele häufig, indem sie ihnen etwas vorlas oder aus ihrer Jugendzeit vorschwärmte, als sie noch von ihrem, leider viel zu früh verstorbenen Kurt, umschwärmt wurde.
Oft kramte sie dann ihre alte Bilderkiste hervor und zeigte Fotos aus jenen Ländern, die sie mit ihrem Mann bereist hatte.

Sie seufzte bei ihren Erzählungen zwischendurch, und nicht zu selten rann ihr eine Träne über ihr faltig gewordenes, dennoch liebenswertes Gesicht.

In solchen Momenten, in denen sie mit zittrig gewordenen, knöchernen Händen, die Beweise der Vergangenheit festhielt, dachte sie an Vieles, was sie gerne noch erlebt oder gelebt hätte.

Sie war sogar recht kreativ und veranstaltete mit anderen Mitbewohnern Spielnachmittage oder lud zu einer Modenschau ein, zu der sie sämtliche Kleidungsstücke, die sie besaß, immer wieder miteinander neu kombinierte. Viele der Damen steuerten hierzu auch aus ihren Kleiderschränken Röcke, Kleider, Hüte, Schals Taschen oder Ähnliches hinzu. Das bereitete allen immer sehr viel Freude.

Gerne hätte Adele sich nochmal ein neues schickes Kleid geleistet, aber ihr Wohnplatz nahm den überwiegenden Teil ihrer Rente in Anspruch, sogar noch einen sehr großen Teil derer, ihres geliebten Kurt.

Adele seufzte erneut, zog die Stirn in Falten und überlegte, wie sie es anstellen könnte, von ihrem schmalen Budget etwas zu diesem Zweck zurückzulegen. In der Kirche hatte sie bereits zu Gott gesprochen und ihn gebeten, sie ein wenig zu unterstützen.
Als nichts geschah, beschloss sie, einen Brief an Gott zu schreiben.

Sie fingerte aus ihrer Kommode einen mittlerweile vergilbten Schreibblock hervor, setzte sich an den kleinen Tisch in ihrem karg eingerichteten Zimmer und nahm ihren wertvollen Füllfederhalter zur Hand.

Wie ein kleines Schulmädchen saß sie dort, starrte gegen die Zimmerdecke und hatte, um ihren Gedanken auf die Sprünge zu helfen, den Kopf ihres Federhalters in den Mundwinkel gesteckt.

Dann begann sie einfach zu schreiben, und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen:

„Lieber Gott,

ich bin es, die Adele Schneider. Du kennst mich doch aus der Kirche. Ich bin eine treue Besucherin Deiner Gottesdienste, und zwischendurch komme ich auch manchmal, um eine Kerze anzuzünden.

Nun brauche ich mal Deine Hilfe.

Kannst Du mir nicht irgendwie zu 200,00 € verhelfen, um mir mein lang ersehntes neues Kleid leisten zu können? Das sollte doch möglich sein. Ich habe nie etwas Unrechtes getan und bin immer gut zu meinen Mitbewohnern.

Ich denke, da ich ja auch nicht mehr die Jüngste bin, wird das so ziemlich mein letzter Wunsch sein, den ich habe.

Ich wüsste nicht, wem ich sonst diesen Wunsch äußern könnte, weil ich ja keine Verwandten habe.

Wirst Du mir helfen?

Deine treue Adele Schneider“

Adele holte aus der Kommode einen ebenso vergilbten Briefumschlag hervor und beschriftete ihn auf der Vorderseite mit folgenden Worten:

An den lieben Gott

Auf die Rückseite schrieb sie die Anschrift ihres Wohnstiftes mit der Zimmernummer, die sie doppelt unterstrich.

Am Mittag fing sie den Postboten ab, der –wie früher- noch mit seinem Fahrrad die Post ausfuhr.

„Guter Mann, würden Sie wohl so freundlich sein, und den für mich mitnehmen, auf der Post frankieren und dann einwerfen? Hier, ich gebe ihnen sogar 3,00 €, damit der Brief auch ja ausreichend frankiert ist. Wissen sie, ich komme doch nicht mehr ins Dorf.“

Adele schaute den Postboten aus ihren braunen, liebenswürdigen Augen fragend und bittend an, dass dem jungen Mann nichts anderes übrig blieb, als den Brief entgegen zu nehmen. Sie zählte ihm sorgfältig 3,00 € aus ihrer angespeckten Geldbörse, in die Hand.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, meinte der junge Mann, „ich werde das erledigen.“

Überglücklich winkte Adele ihm noch nach und begab sich zurück auf ihre Station.

Am Ende seines Dienstes fiel dem Briefträger der Brief der alten Dame ein. Er hatte ihr doch versprochen, ihn zu frankieren und weiterzuleiten. Und was er mal versprochen hatte wurde auch von ihm gehalten. Ordnung muss sein.

Er zog das vergilbte Couvert aus seiner Jackentasche und wollte gerade eine Briefmarke aufkleben, als ihm auffiel, an wen der Brief adressiert war.

Ratlosigkeit war nun auf seinem Gesicht zu lesen. Er konnte den Brief doch nicht frankieren und dann in einen Briefkasten werfen.

Er überlegte eine Weile, und beschloss dann, ihn auf dem Finanzamt, in der Stadt, in der er lebte, abzugeben.

Er wendete das Couvert, las als Absender „Adele Schneider“ und gab ihn in der entsprechenden Abteilung mit den Buchstaben „Sch…..“ ab, und verschwand schleunigst wieder, bevor er von einem Beamten angesprochen werden konnte.

Der Beamte, auf dessen Schreibtisch Adeles Brief gelandet war, nahm den Brief, schlitzte das Kopfende mit seinem verschnörkelten Brieföffner auf, ohne auf das zu achten, was auf dem Umschlag stand. Er zog den sorgfältig gefalteten Brief heraus und begann zu lesen:

„Lieber Gott,
ich bin es, die Adele Schneider………

Auf einmal begann er zu schluchzen. Seine Kollegen wollten wissen, was denn geschehen sei, und so las er ihnen den Brief vor.

Als er am Ende aufsah, bemerkte er, dass seine Kollegen und Kolleginnen alle merkwürdig gerührt waren, und ebenfalls mit den Tränen zu kämpfen hatten. Die Kollegen beratschlagten kurz und entschlossen sich, für Adele Schneider zu sammeln, weil sie ihr Schicksal sehr berührt hatte.

Durch jede Abteilung wurde der Brief gereicht. Man sammelte für die alte Dame und bekam zum Schluss eine Summe von 160,00 € zusammen.

Die drei Fünfziger und einen Zehner schlug man in Aluminiumfolie ein, steckte sie in einen Dienstumschlag des Finanzamtes, schrieb Adeles Adresse auf die Vorderseite und vermerkte auf einen Dienstbogen, ohne jedes weitere Wort:

„Viel Spaß beim einkaufen, DER LIEBE GOTT“

Als Adele fünf Tage später durch den Postboten, den sie täglich abgefangen hatte, ihren Brief ausgehändigt bekam, war sie überaus beglückt und öffnete mit zittrigen Händen das sehnsüchtig erwartete Couvert.

Sie las auf dem amtlichen Schriftbogen:

„Viel Spaß beim einkaufen, DER LIEBE GOTT“, zählte sogleich das Geld und war hoch erfreut, aber auch enttäuscht zugleich.

‚War es so schlecht um die Finanzen im Himmel bestellt‘, überlegte sie sich und beschloss, dem lieben Gott zu antworten.

Wieder setzte sie sich an ihren kleinen Tisch und schrieb zur Antwort nachfolgende Zeilen:

„Lieber Gott, ……..

Adele gab abermals ihre Nachricht dem freundlichen Postboten mit, der ihn auch diesmal wieder in derselben Abteilung beim Finanzamt abgab.

Derselbe Beamte öffnete Adeles Brief und fing lauthals an zu lachen.

Auf Befragen seiner Kollegen, las er auch diesmal wieder vor:

„Lieber Gott,
ich bin es wieder – die Adele.

Ich danke Dir von ganzem Herzen, dass Du mir geholfen hast. Für das Geld werde ich schon was Passendes finden, da bin ich sicher.

Aber, solltest Du mir noch einmal etwas Geld zukommen lassen wollen, dann mache das doch bitte nicht wieder über das Finanzamt.

Stell Dir vor, diese Armleuchter haben gleich 40,00 € für sich einbehalten……

Deine Adele“

© Christiane Rühmann

Was fange ich ohne Dich an?

Du bist mir so vertraut,
kennst mich mit meinem verschlafenen Gesicht am Morgen,
so wie Du mir vertraut bist,
und ich Dich nach dem Aufwachen kenne.

Deine Umarmung und Deine Liebe sind mir wichtig.
Ich denke über uns nach.
Was wird sein, wenn Du nicht mehr da bist,
wir uns nicht mehr nahe sein können?

Ich suche nach Antwort und finde keine.
Wie denkst Du darüber?
Denkst Du genau so wie ich darüber nach?
Macht dieser Gedanke Dir Angst?

Ich gestehe, dass ich mir Gedanken gemacht habe.
Du lebst in mir weiter und wirst mich „nie“ verlassen.
Meine Gedanken werden stets bei Dir sein,
ich werde Dich nach wie vor um Rat fragen.

Ich habe gelernt, dass der Tod zum Leben gehört.
Das macht es mir leichter, einen Abschied zu akzeptieren.
Wirst Du wieder fröhlich sein können?
Ich werde die Fröhlichkeit wieder erlangen!

Mein Herz wird trauern,
aber mein Verstand sagt: LEBE!
Ich werde Dich niemals vergessen und
Deine Liebe lebt in mir weiter.

Ich wünsche, dass es Dir ebenso geht,
meine Liebe in Dir weiterlebt,
Du meinen Rat suchen wirst und
ich immer einen Platz in Deinem Herzen haben werde,

frei von Verfolgungen gedanklicher Art,
frei von Gewissenskonflikten,
frei von jeglicher Verpflichtung,
frei von gefühlten emotionalen Versprechungen.

Lassen wir uns gegenseitig loslassen !
Bis es soweit ist, wollen wir jeden Tag,
den wir gemeinsam verbringen können,
geniessen und von uns selbst zehren.

© Christiane Rühmann

Frühling



Als „Frühling“ um die Ecke kam,
mich bei seiner Hand dann nahm,
mir zeigte das Wirken von Mutter Natur,
durchströmte mich ein Glücksgefühl pur!

Ich sah die Blumenvielfalt sprießen,
sie ließ mich Wald und Waid genießen
und sprach zu mir: Bist Du bereit?
Jetzt ist Winter bald Vergangenheit.

Er zeigte mir mit großer Leidenschaft
seine Energie und seine wahre Kraft.
Beim Anblick der neu erwachten Pflanzen,
seh ich schon Schmetterlinge tanzen.

„Frühling“, nimm Platz auf meiner Bank.
Für Deine Kraft sag ich Dir Dank.
Und umschmeichelt von sanftem Morgenwind,
ich neue Kraft zum Leben find.

© Christiane Rühmann

Liebe

"Liebe" lässt sich nicht verschieben....

(c) Christiane Rühmann

Wie im Film.....

Es war ein schöner Sommertag, die Vögel zwitscherten und sammelten Material um ihre Nester zu bauen. Sie belebten die mit Blättern üppig begrünten Bäume. Es war ein schöner Tag, um etwas zu unternehmen, etwas, was Silke Spaß macht. Ganz alleine wollte sie das tun und niemand würde sie stören.

Nach kurzer Überlegung beschloss sie, einen Vergnügungspark aufzusuchen. Sie wollte es sich richtig gut gehen lassen: Eis schlecken, fettige Pommes mit Mayo und Ketchup genießen, Leute beobachten und natürlich die Fahrgeschäfte beleben.

Also machte sie sich auf den Weg.

Auf dem riesigen Parkplatz angekommen, suchte sie eine Parktasche, die sie nicht zu weit bis zum Eingang laufen ließ und hatte natürlich Glück.
Sie bemerkte, dass bereits eine Menge Leute vor ihr, die gleiche Idee hatten, und einen spaßigen Tag in diesem Vergnügungspark verleben wollten. Das machte ihr die lange Warteschlange vor der Kasse bewusst.
Endlich war sie an der Reihe. Aus ihrer Bauchtasche holte sie ihren Rentnerausweis und wurde daraufhin erst einmal von der Kassiererin gemustert. Silke hatte kein Glasauge, keine Krücken, keine abstehenden Ohren! Wo also war also bitteschön ihre Behinderung? Nun, wie auch immer. Es blieb der Kassiererin nichts anderes übrig, als Silke zum ermäßigten Preis eintreten zu lassen.

Nach einem Blick auf den Geländeplan beschloss sie, der Pfeilbeschilderung zu folgen.

Irgendwann erreichte sie die Wildwasserbahn. Ja, hier wollte sie auch mit fahren. Silke reihte sich ein, wartete auf den hohlen Baumstamm und stieg mit drei weiteren Fahrgästen ein.

Scheinbar mühsam krabbelte der Baumstamm auf den Höhepunkt der Bahn. Er bekam allmählich immer mehr Fahrt, bevor es dann steil bergab ging und er fast komplett in das Wasserbecken eintauchte.

Silke quiekte vor Vergnügen, obwohl sie ordentlich durchnässt war. Das hatte ihr mal richtig Spaß gemacht!

Auf ihrem weiteren Weg stellte sie fest, dass die Leute aus der Wildwasserbahn auch dieser Runde folgten. Diesmal nahm der nette Herr, der in der Wildwasserbahn hinter ihr gesessen hatte, neben ihr Platz und reichte ihr sogar zum Einsteigen in das Gefährt die Hand, die sie dankend annahm. Adrett sah er aus – ein richtig knuffeliger Typ, der ihr hätte gefährlich werden können. Seine Art gefiel ihr, aber war er nicht mit einer Dame von den beiden verbandelt, mit denen er unterwegs war? Er sah gut aus und sein überdimensionaler Schnurrbart zierte sein markantes, sonnengebräuntes Gesicht. Er war gross, seine Statur war einfach nur ein Hingucker.

Jedenfalls schienen die beiden Damen, mit denen er unterwegs war, ihn nicht sonderlich zu interessieren. Ab und zu wechselten sie mal ein paar Sätze, aber das war es dann auch schon. Die beiden Mädels hatten mehr Spaß miteinander, und kicherten über alles und alle.

Während alle darauf warteten, dass die Bahn sich füllte, bemerkte Silke, dass er sie wieder von der Seite anschaute.

Dann fragte er: „Und, haben Sie Angst?
“
„Hah, ich und Angst!“, antwortete Silke großkotzig. „Na ja, ich weiss nicht so genau“, wurde sie dann schon kleinlauter und rümpfte ein wenig die Nase, sehr zum Vergnügen ihres Mitfahrers.

Er lächelte sie an und meinte: „Ich bin ja bei Ihnen. Es passiert Ihnen schon nichts.“

Wenn sie doch nur durchschauen könnte, in welcher Verbindung er zu den beiden Damen stand! Vom Alter her schien er zu ihr zu passen, und seine Augen…..

Als könne er Gedanken lesen, meinte er grinsend: „Meine beiden Schwestern hinter uns, können von dieser Monster-Achterbahn hier nicht genug kriegen“.

‚Aha, seine Schwestern‘, dachte Silke und stellte erstaunt fest, dass ich froh war, dass keine der Beiden seine Frau war.

„Zweimal im Jahr muss ich mit ihnen diesen Törn machen, vorher geben sie keine Ruhe. Und Sie? Sind Sie alleine hier?“

Silke errötete. „Ja“, sagte sie kurz und knapp. Sie fühlte sich nicht sehr wohl in ihrer Haut. Sollt sie ihm von sich erzählen? Dass sie alleine war, geschieden, und noch nicht wieder verbandelt?

Die Bahn setzte sich in Bewegung. Zunächst fand Silke das ja noch sehr lustig, aber als sie ihren Höhepunkt erreicht hatte, um steil ins Tal zu fahren, wurde ihr schon ein wenig mulmig. Sie hatte das Gefühl, als wollten sich ihre Fussnägel aufrollen. Ihr Copilot bemerkte das und legte seine Hand auf Silkes, mit der sie das Sperrgitter eng umschlungen hielt.

‚Was macht der da‘, dachte sie, bevor sie zu schreien begann, weil ihr die Abfahrt fürchterlich in der Magengegend zu schaffen machte. Er jedenfalls, schien seine Freude daran zu haben, die Arme leiden zu sehen. Ihre Hände verkrampften sich mehr und mehr. Angstschweiss stand Silke auf der Stirn und bildete unter der Umklammerung ihrer Hände des Sicherheitsbügels einen kleinen Teich.

Plötzlich, bevor die Bahn auf das nächste Highlight zuraste, legte er seinen Arm um sie, als wolle er sie vor Schlimmerem bewahren. Erstaunt stellte Silke fest, dass es ihr nicht einmal unangenehm war. Seine Schwestern hinter ihnen, grölten lauthals, lachten und schrien um die Wette.

Langsam stoppte die Bahn und alle begannen auszusteigen. Nachdem er als Erster das Cockpit verlassen hatte, reichte er ihr seine Hand erneut, um ihr behilflich zu sein. Zu allem Unglück stolperte Silke auch noch, weil sie sich kaum sicher auf den Beinen halten konnte.

„Hoppla“, meinte er und fing sie auf.

„So schlimm?“ wollte er wissen.

Offensichtlich sah sie kreidebleich aus und statt zu antworten, nickte sie nur mit dem Kopf. Ihm schien dieser Höllenritt nichts ausgemacht zu haben. Er sah fast noch besser aus als vorher. Seine zerzausten Haare, an den Schläfen leicht angegraut, standen ihm richtig gut.

„Wie heisst Du?“ fragte er neugierig. „Ich darf doch Du sagen oder? Ich heisse Georg.“

„Und ich bin die Silke. Ja klar kannst Du Du sagen.“

Silke ertappte sich dabei, dass sie auf eine ähnliche Frage gewartet hatte.

„Wollen wir irgendwo eine Tasse Kaffee trinken, dann jage ich die beiden Gänse alleine auf die Piste. Was hältst Du davon?“

„Oh ja, das ist eine gute Idee.“

Silke war sehr erfreut über sein Angebot.

„Mädels, ich mache Pause, wir gehen eine Tasse Kaffee trinken. Macht Ihr mal alleine weiter, wir können ja telefonieren.“

Die beiden Frauen zogen weiter und Georg und Silke suchten sich eine Ecke in einem Restaurant, in dem Silke sich erholen und sie mit Georg ungestört eine Tasse Kaffee trinken konnte.

Sie kamen näher ins Gespräch und tauschten sich aus. Erneut stellte er ihr die Frage, warum sie denn alleine hier sei, und sie antwortete bereitwillig. Er erzählte Silke, dass er mit seinen beiden Schwestern einige Reisebüros besässe. Seine Frau sei vor 10 Jahren gestorben und er lebe alleine, habe keine Kinder usw. . Diese Ausflüge würden sie zusammen schweissen und ihren Umgang miteinander lockerer machen.

‚Eine gute Idee‘, fand Silke.

Sein Handy klingelte nach etwa einer Stunde.

„He Bruderherz, wir befinden uns am Mysteriy Castle. Kommt doch auch dahin, da können wir dann noch ein wenig gemeinsam Spaß haben.“

„O.k., warte mal“, meinte er und fragte bei Silke nach: „Hast Du noch Lust auf Mystery Castle?“

„Ja, da wollte ich auch drauf“, antwortete Silke und freute sich.

Er zu seinen Schwestern: „Ja, wir sind gleich da“.

Sie bezahlten und verliessen den Gastraum. Am Mystery Castle angekommen, begegneten sie den beiden Schwestern, die diesmal auch Silke herzlich begrüssten. Gemeinsam betraten sie den Aufzug und es ging nach oben.
Etwas mulmig wurde es Silke auch diesmal! Georg nahm sie wieder beschützend in den Arm, was den Schwestern zu gefallen schien.
Nun war es so weit, der Fall konnte beginnen. Schreiend fielen alle Insassen nach unten.

Wow, war das ein Erlebnis. Silke und selbst Georg und seine Schwestern waren tief beeindruckt von dem Fall der Fälle….

Man beehrte gemeinsam noch weiter Fahrgeschäfte und Attraktionen, bis Georg meinte, dass man ja noch nicht alles gesehen habe, und ob Silke denn bereits wieder nach Hause wolle.

Silke überlegte eine kurze Weile und meinte dann nur zögerlich:
„Also, ich habe keine Eile. Zu Hause wartet ja niemand auf mich.“

„Na, dann lass uns doch heute Nacht hier in einem der Hotels bleiben“, meinte Georg, „dann können wir ja morgen weiter machen. Sicher können wir heute Abend noch eine Menge Spass haben“.

Georg war recht unkompliziert und orderte sofort per Handy e i n Zimmer, also ein Doppelzimmer in einem der Hotels, die sich im Park befanden.

Alles erschien Silke wie im Taum – ja, eher gesagt, wie im Film!

Es gab noch weitere Abendattraktionen, Shows, es gab Bars, Tanzkaffees usw.
Silke hatte zunächst ein schlechtes Gewissen, doch verlor nach jedem weiteren Glas Rotwein und faszinierenden Tänzen in der Tanzbar ihre Hämmungen…..

Früh am Morgen begaben sich Georg und Silke auf ihr gemeinsam angemietetes Zimmer. Sie waren sich erheblich näher gekommen. Warum nicht? Die Nacht war wunderschön….

Als sie endlich zur Ruhe kamen, liess Silke nochmals den Tag Revue passieren. Alles drehte sich um sie. Erst die Wildwasser-, dann die Achterbahn und so weiter. Dann noch die Ereignisse mit dem unglaublich symphatischen Georg… Zum Schluss dachte sie an die unglaubliche Abfahrt in dem Mystery-Castle!!!

Silke verkrampfte sich. Es gab auf einmal einen lauten Knall, etwas zerdepperte – und Silke befand sich auf dem Boden - ihres eigenen Schlafzimmers……

Die Lampe war zu Bruch gegangen, den Kerzenhalter hatte sie auch mit herunter gerissen.

Sie war aufgewacht und bemerkte , .….. dass alles nur ein Traum war……..!!! Wie im Film….

© Christiane Rühmann

Nonverbale Kommunikation

Unendlich viel Getümmel in der Stadt. Scheinbar hat niemand mehr etwas Anzuziehen im Kleiderschrank. Einschließlich mir selbst…

Ich bemühe mich, nicht aufdringlich zu wirken und taste mich langsam an einen mit Kleiderbügeln eng behängten Ständer heran. Es lässt sich nichts verschieben. Das regt mich ein wenig auf. Zu eng hängen die angebotenen Artikel. Ich hole tief Luft und zwinge mich, ruhig zu bleiben und dennoch etwas mich Ansprechendes aus dem Textilgehänge heraus zu fischen.

Ja, das Oberteil könnte mir gefallen. Hmmhh, eine passende Hose dazu wäre auch nicht schlecht. Auf zum nächsten Ständer. Das gleiche Spiel. Endlich habe ich etwas gefunden. Obwohl…. Die andere Hose sieht auch nicht schlecht aus. Also entschließe ich mich, beide mit zur Kabine zu nehmen und noch eine, und noch ein passendes Oberteil vom anderen Ständer……, nee, doch besser noch ein drittes…..

In der langen Warteschlange reihe ich mich ein. Geduldig verharre ich hier, Schrittchen für Schrittchen mühsam auf den Vorhang zu stippelnd.

Puuh, heiss ist es hier. Ich merke, wie sich langsam Schweißperlen auf meiner Stirn bilden. Hoffentlich merkt mir niemand an, dass es mir nicht gut geht….

Einige Ehemänner, Lebenspartner oder Freunde und Kinder sitzen auf bereit stehenden Sitzmöbeln vor den Umkleidekabinen und warten darauf, dass die Holde endlich etwas Passendes finden würde.

Endlich, jetzt bin ich dran. Ich ziehe den Vorhang hinter mir zu, kleide mich um und verlasse für einen Blick in den Ganzkörperspiegel kurzfristig die Kabine, um mich zu überzeugen, dass mich das Ausgewählte auch kleidet.

Skeptisch betrachte ich mich und bemerke dabei, dass mich jemand beobachtet. Ich treffe auf den Blick eines Mittfünfzigers, der mich lächelnd anschaut. Lacht er mich jetzt an oder aus? Was will der?

Auf einmal schüttelt er seinen Kopf. Ich blicke ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und murmele so etwas wie: „Äh äh….?“

Er schüttelt wieder den Kopf. Also ich zurück in meine Kabine und ein neues Outfit angezogen. Mann, ist das anstrengend! Ich begebe mich wieder zum großen Spiegel nach draußen. Der fremde Mann sitzt immer noch dort. Erneut schaut er mich grinsend an, nur diesmal wiegt er seinen Kopf hin und her, als wolle er sagen: `Schon besser, aber immer noch nicht so das Wahre`.

Ich hole tief Luft, gehe wiederum zurück, pelle mich aus der Robe und versuche eine neue Kombination. Als ich erneut die Kabine verließ, um mich im großen Spiegel anzusehen, bemerke ich, wie mein Blick diesmal den seinen sucht, um seine Meinung zu erfragen.

Diesmal öffnete er seinen Mund und stammelte, für mich geräuschlos, ein `wow`, was ich anerkennend zur Kenntnis nahm. Er erhob seinen Daumen nach oben und nickte kräftig mit dem Kopf. Es schien ihm zu gefallen.

Ich lächelte ihn an, legte meine beiden Hände ineinander, was ihn erkennen lassen sollte, dass ich mich bei ihm für seine Meinung bedankte und verschwand zurück in meine Umkleide, um meine alten Sachen wieder anzuziehen
.
Endlich war ich fertig und hing die nicht ausgewählten Kleidungsstücke an einen Ständer im Kabinenvorraum, wo eine Mitarbeiterin ständig damit beschäftigt war, diese wieder an ihre ursprünglichen Plätze im Verkaufsraum unterzubringen.
Ich begab mich mit den neuen Kleidungsstücken zur Kasse und stellte fest, dass der freundliche Herr mit seiner ‚Madame‘ vor mir stand.

Sie keifte ihm ständig etwas entgegen und er antwortete: „Ja Schatz, ist ja gut, machen wir…, Du hast ja recht…, ist in Ordnung., meinetwegen“, usw.

Er bemerkte, dass ich hinter ihm stand, schaute mich kurz an, lächelte freundlich und zwinkerte mir mit einem Auge zu.

Ich lächelte ebenfalls, jedoch sehr belustigt, zwinkerte ebenfalls dankbar zurück und verließ, nachdem ich die Kasse passiert hatte, immer noch lächelnd das Kaufhaus.
Das war mal ein lustiger Einkauf. Hatte echt Spaß gemacht.

Danke an den Fremden. Ich fühlte mich bestens beraten, auch ohne Gekeife und große Worte….

© Christiane Rühmann

Reality… (Dez. 2010)



Unumstößlich stand der Termin fest. Jetzt musste endlich was geschehen, wenn ich nicht in absehbarer Zeit am (Rollstuhl-)Rad drehen wollte.

Vor einigen Jahren habe ich solche Situationen immer hinaus geschoben. Nicht, weil ich Angst davor gehabt hätte, sondern weil ich einfach zu bequem war. Wieder Krankenhaus, wieder OP, wieder nach anderer Leute Nase tanzen oder auf Andere angewiesen sein….

Ich habe mich geändert, nehme jetzt alles gleich in Angriff, denn, wenn ich nichts verändere, verändert sich nichts… Also ran an den Speck.

Mir wurde bewusst gemacht, dass mein Vorhaben kein Spaziergang werden würde, man begrüßte jedoch auch meine Entscheidung, alles auf einmal richten zu lassen und sah dies als Herausforderung an. Ich mag Menschen mit krassen Entschlüssen, welche, die Entscheidungen treffen, auch wenn es schwierig werden könnte.

Also, nichts wie hin und zusehen, dass ich so schnell wie möglich wieder auf dem Damm bin. Etwa einundzwanzig Tage sollte mein Aufenthalt in der Klinik dauern, worauf ich mich auch eingestellt hatte. Leider war sie so weit von zu Hause entfernt, so dass abzusehen war, keinen Besuch zu erhalten. Also musste ich mich bekleidungsmäßig auch entsprechend ausrüsten und zog mit zwei vollgepackten Reisetaschen und natürlich meinem Laptop ins Spital.

Hat ein paar Tage gedauert, eh sich das Personal an meinen etwas außergewöhnlichen Humor gewöhnt hatte. Auch, dass ich ständig verschwunden war, musste man erst mal akzeptieren lernen. Zudem war ja auch noch Vorweihnachtszeit. Am 03.12. operiert, vier bis 5 Tage Bettruhe -so dachte man-, hatte aber die Rechnung nicht mit mir gemacht. Am 06.12., Nikolaustag, zog ich mit meiner mitgebrachten Nikolausmütze über den Flur in Richtung Treppenhaus, Ausgang, Raucherecke.

Der erste Zug war ein Erlebnis! Der zweite Zug – na ja, aber die zweite Zigarette, gleich im Anschluss war einfach nur ……lecker !

Nach dem Genusserlebnis stapfte ich also brav wieder die Treppe hinauf. Fahrstuhl? Nein, ich doch nicht! Wer rauchen kann, kann auch Treppen steigen. Auf der Station wurde ich bereits wieder erwartet.

„Alles in Ordnung? Wo waren Sie?“ wollte das Pflegepersonal wissen.

„Inhalieren“, gab ich zur Antwort, „jetzt ist wieder alles o.k.“

Mein Verhalten blieb auch den Ärzten nicht verborgen und so bekam ich schon recht bald den Spitznamen „Turnschuh“, was mir schmeichelte.

Ab da ging es in riesen Schritten bergauf. Im Ort gab es eine kleine Citymeile, die ich einen Tag vor dem Weihnachtsmarkt und dem Tag der offenen Tür am Sonntag, erkundete. Ich musste ja schließlich testen, ob ich mir am anderen Tag einen Weihnachtsmarktbesuch zutrauen konnte. Immerhin hatte ich mir vorgenommen, einen Glühwein zu trinken.

Alles klappte prima. Ich ließ mir richtig Zeit, um das kleine Städtchen zu erkunden. Der Glühwein war ein Genuss. Leider musste ich mein Vorhaben alleine durchziehen, weil meine Zimmergenossinnen schlappe Socken waren. Kein Selbstvertrauen, Angst vor Tadel und Angst vor den versicherungstechnischen Folgen, die ein Unfall zur Folge haben würde. Bei so viel negativen Gedanken, wollte ich meinen Nachmittag in der Tat lieber alleine genießen und tat es auch.

Weihnachtliche Musik aus meinem MP3-Player versetzten mich richtig in Weihnachtsstimmung. Ich genoss den Tag, wie jeden in meinem Leben.

Zurück vor der Klinik, am Aschenbecher stehend, eine Einkaufstüte in der Hand, begegnete mir der Chefarzt. Seine Blicke waren mir nicht entgangen, aber sein Augenzwinkern auch nicht. Ich liebe tolerante Menschen…..

Am anderen Morgen bei der Visite erfuhr ich, dass man meinen Entlassungstermin insgesamt um neun Tage verkürzen wollte, weil der Heilungsprozess so enorm sei, und es keine Veranlassung mehr gäbe, mich länger dort zu behalten.

‚Also gut‘, dachte ich und begann zu packen.

Nach dem Frühstück und der Morgenzigarette machte ich mich also am Folgetag auf den Weg zu meinem Auto, das zwei Straßen weiter auf einem kostenfreien Parkplatz auf mich wartete. Ich liebe meinen kleinen Wagen und rede immer liebevoll mit ihm. Selbst mit Streicheleinheiten bin ich nicht sparsam. Er hat mich noch nie im Stich gelassen. Nur diesmal – diesmal schien er beleidigt zu sein, dass er so lange auf mich warten musste.

Tief verschneit hatte er wohl noch nicht damit gerechnet, dass es bereits schon jetzt nach Hause gehen sollte. Ich steckte den Schlüssel in die Fahrertüre und wollte aufschließen.

Mist – zugefroren. Also stelle ich mich rückwärts, mit meinem Hinterteil an die Wagentür und halte meine Hand auf das Schloss in der Hoffnung, dass sich der Schlüssel im Schloss dann bewegen ließ.

Wieder nichts – was mache ich nun? Nur nicht aufgeben, nachdenken und Ruhe bewahren. Ich holte das Feuerzeug aus meiner Zigarettenschachtel und wärmte mit der Flamme den Schlüsselbart, steckte ihn schnell wieder ins Schloss und versuchte erneut zu öffnen. Immer noch tat sich nichts. Ich drehte mich erneut mit meinem Hinterteil dem Türschloss zu und wollte es noch einmal versuchen. Vergeblich!

Nasenspray, ja ich hatte doch noch Nasenspray in meiner Handtasche, das ist doch Kochsalzhaltig. Das könnte funktionieren.

Wieder nichts….!

Mittlerweile waren schon mehr als 25 Minuten vergangen. Man würde mich sicher vermissen. Egal, ich musste irgendwie ins Fahrzeug. Die Beifahrertüre konnte ich nicht schließen, da dort eine neue Türe mit anderem Schloss eingebaut war, nachdem mir in einer Baustelle ein Bagger rückwärts zeigen wollte, wer der Stärkere war.

Endlich, da kam eine junge Familie, die ihr Fahrzeug ebenfalls auf dem Parkplatz abgestellt hatte. Ich sprach den Herrn an, ob er vielleicht Eisspray habe. Ich stellte fest, dass die Familie eine Holländische, türkischer Abstammung war. Niemand von ihnen sprach deutsch – nur englisch.

Nun gut, das ging auch. Der Mann kam mit einem Kanister Kühlwasser-Frostschutz zu mir und begoss damit das Türschloss und den Türrahmen. Dabei versuchte auch er ständig, den Schlüssel im Schloss zu drehen. Nichts ging!

Was ist mit der Heckklappe? Die ließ sich bislang seit etwa zwei Jahren nicht mit dem Schlüssel betätigen, aber als der freundliche junge Mann es versuchte, ging sie plötzlich auf.

Wow, endlich! So kann ich sicher mit dem Regenschirm, der sich im Kofferraum befindet, eine der Innentüröffner betätigen.

Ich bedankte mich höflich bei der Familie, die schon bald verschwunden war. Es schneite immer noch und ich wollte nur noch weg.

Ich nahm den Schirm aus dem Kofferraum und stellte fest, dass meine Arme wesentlich zu kurz waren, um auch nur annähernd an die Türöffner zu gelangen. Was nützt mir dann der offene Kofferraum?

Mir blieb keine Wahl. Ich schaute mich um, ob mich niemand sah – kein Arzt in der Nähe war, betätigte die Knöpfe, die die Rücksitze umklappen ließen, hob mein linkes Bein und kniete mich in den Kofferraum. Mit der Krücke des Regenschirmes zog ich mich in das Wageninnere. Puh, das war geschafft. Ich krabbelte über die umgeklappten Sitze noch ein wenig mehr nach vorne, als mein Handy in der Jackentasche klingelte.

‚Wer stört‘, dachte ich und fuchtelte mit der linken Hand, ohne die Handschuhe auszuziehen, in meiner Jackentasche herum.

„Christiane Rühmann, guten Morgen“.

Die Anruferin wollte einen Kostenvoranschlag geschrieben haben. Ich erklärte ihr kurz, dass ich ein kleines Fahrzeugproblem habe und mich auf einem Parkplatz in Emmerich befinden würde. Ich wolle sie aber später zurückrufen, wenn es mir möglich sei. Ich müsse zunächst noch etwas klären.

Aus-Taste gedrückt, Handy zurück in die Tasche gleiten lassen und versucht, an dem Türöffner zu ziehen. Mist, er ließ sich auch von innen nicht bewegen. Boah, langsam kann ich mich nicht mehr halten. Ich verspüre ein Ziehen im Rücken. Jetzt versuche ich es auf der Beifahrerseite. Es bewegt sich was – warum nicht gleich so? Noch einmal kurz mit der Faust gegen die Innenverkleidung schlagen.

Geschafft, die Türe ließ sich öffnen. Weiter nach vorne wollte ich aber nicht krabbeln, zu schwierig, also wieder zurück. Sehr vorsichtig und langsam bewegte ich mich rückwärts wieder aus dem Fahrzeug hinaus. Zwar hatte ich nun wieder festen Boden unter den Füssen, aber es war sauglatt.

Der Vollidiot, der das ganze Spiel seit 45 Minuten von seinem Balkon aus verfolgt hatte, stand noch immer da und gaffte blöd. Mit einem Liter heissen Wasser hätte er mich schon längst aus dieser Misere befreien können. Er war halt eben ein Mann.....

Ich stieg auf der Beifahrerseite ein, steckte den Schlüssel ins Zündschloss, entfernte ohne Kupplung den eingelegten Gang aus dem Getriebe und startete. Na komm schon, lass mich jetzt nur nicht hängen! Nochmal – und der Motor sprang an. Das Gebläse stellte ich auf höchste Stufe und nahm den Eiskratzer, um das Fahrzeug endlich von Schnee und Eis zu befreien.

Da sich die Fahrertüre immer noch nicht öffnen ließ, stieg ich nachdem wieder auf der Beifahrerseite ein. Wie komme ich jetzt über den Tunnel? Ich kann meine Beine noch nicht so heben. Nimmt das denn nie ein Ende? Sollte das ein Zeichen sein, noch da bleiben zu müssen? Ich nahm zum letzten Mal meine gesamte Kraft zusammen, biss die Zähne fest aufeinander und schaffte es tatsächlich, das linke Bein in den Fußraum der Fahrerseite zu setzen. Und was mache ich nun mit dem rechten Bein? Ich saß mit meinem Allerwertesten auf der Handbremse, die ich angezogen hatte, weil ja kein Gang eingelegt war. Die unbequeme Härte der Handbremse spürte ich kaum, denn mein Hintern war eh eingefroren.

‚Du schaffst das‘ motivierte ich mich, ‚nur nicht aufgeben‘!

Mit viel Gefühl, Kraft und Ausdauer gelang es mir, das rechte Bein schließlich nachzuziehen.

„Juchhuuuu, geschafft!“

Die Türe ließ sich immer noch nicht öffnen, obwohl es langsam im Fahrzeuginneren warm wurde. Erst mal tief durchatmen und dann ganz gefühlvoll losfahren. Merkwürdiges Gefühl. Mit dem Korsett um meinen Leib war die Sitzstellung auch nicht mehr richtig. Also nun neu justieren. Ja, so könnte es passen. Ich versuche erneut, die Fahrertüre zu öffnen. Aah, endlich. Jetzt war sie wohl endlich aufgetaut. Ich öffnete sie und zog sie gleich wieder zu.

Ich fahre los und rolle kurze Zeit später vor der Klinik vor.

„Christiane, wo warst Du denn so lange? Wir dachten schon, es wäre etwas passiert. Ist alles in Ordnung?“

„Jaja, musste nur etwas Eis kratzen. Wie Ihr wisst, bin ich ja nicht mehr so beweglich. Es hat halt eben gedauert,“ entgegnete ich und machte mich auf den Weg in mein Zimmer, um das Gepäck zu holen.

Ich spürte in mich hinein. War wirklich alles in Ordnung? Ja, passt schon! Abschied auf der Station und die Ermahnung, ja auf mich aufzupassen und die Aufforderung, bei Wiedervorstellung mal vorbeizuschauen, lassen mich breit grinsen.
Es war schön hier.

Ein freundlicher Besucher half mir dabei, das Gepäck in dem Kofferraum zu verstauen. Umarmend verabschiede ich mich von meinem „Raucherclub“. Alle winken mir nach, ich winke zurück.

Hah, wenn sie alle wüssten.....

Dem Vollidiot auf dem Balkon wünsche ich, dass er für die kommenden 4 Wochen dort angefroren bleibt, als ich an seinem Haus vorbei fahre.

Endlich geht´s nach Hause……

© Christiane Rühmann