Mein Leben, Toleranz und Treue……


Ich erzähle nicht gerne über private Dinge – vielmehr, ich erzählte nicht gerne……
Aber hiervon muss ich berichten:
Wer meine Geschichten kennt, kennt auch die, dass ich bereits seit meinem zwölften Lebensjahr Auto gefahren bin. Das liegt daran, dass ich als jüngstes von fünf Kindern und als einziges Mädel aufgewachsen bin. Nie konnte ich genug davon bekommen, wenn die „Männer“ in der Garage an ihren Fahrzeugen bastelten.
Mein Vater hatte eigens dafür in unserem Keller eine kleine Werkstatt eingerichtet. Er liebte seine Söhne über alles. Vater war allwissend und unglaublich geschickt, wenn es um technische Dinge ging. Obwohl er zu 83 % kriegsversehrt war, d.h. sein rechter Arm war durchschossen von kriegerischen Kugeln, hatte er sich, zwar mit Waffengewalt gegen die Ärzte, durchsetzen können, damit sein Arm erhalten blieb, den man ihm im Lazarett amputieren wollte.
Er sollte Recht behalten, so störrisch gewesen zu sein. Er trug eine ganze Weile einen sogenannten „Stucka“, aber der Arm blieb dran. Zwar konnte er sein rechtes Handgelenk nicht mehr selbständig bewegen, aber er konnte dennoch mit den Fingern arbeiten, wenn auch seine Hand sehr deformiert und verkrüppelt war. Er konnte fühlen und greifen, was er durch den Verlust seines kompletten Armes nicht mehr gekonnt hätte.
Verkrüppelt hat er mit eigener Kraft unser Haus, mein Elternhaus, gebaut, in welchem ich geboren wurde. Bis auf zwei von meinen Geschwistern, waren wir alle Hausgeburten.
Muss schon toll gewesen sein damals. Ich weiß nur aus Erzählungen, dass mein jüngster Bruder, der 5 Jahre älter ist, als ich, ausquartiert wurde, zu unserer Tante.
Diese hatte ihn dann gefragt, was für ein Geschwisterchen er sich denn wünschte, und er antwortete:
„Ich habe gaaanz viel Zucker auf die Fensterbank gestreut, damit der Klapperstorch uns diesmal ein Mädchen bringt!“
ICH war geboren, und mein Onkel und meine Tante kamen mit meinem Bruder mit einer Pferdekutsche, denn Busse, Telefon oder ähnliches gab es bei uns auf dem Land noch nicht, am Tag nach meiner Geburt zu uns nach Hause.
Mein Bruder hörte mein Baby-Geschrei und meinte „Haben wir ein Kind?“
„Ja, hattest Du nicht Zucker auf die Fensterbank gestreut?“, fragte Vati.
„Doch, das habe ich, und, ist es ein Mädchen?“
„Ja, Du hast nun eine Schwester.“
„Juchhuuuuu, darf ich sie sehen?“
„Klar, aber Du musst ruhig sein, Mutti braucht noch Ruhe.“
Tante Alma war gerade dabei, mich auszuwickeln, um mir eine frische Windel zu machen. Mutti lag in wohl verdienter Ruhr im Bett. Sie war noch ein wenig erschöpft. Mein Bruder hatte alles voll im Blick und meinte:
„Mutti, bist Du tot? Oooh, wieso ist die denn noch so klein?“
Mutti war nicht tot und antwortete: „Nein, mir geht es gut. Und? Was sagst Du denn zu Deiner kleinen Schwester?“
Aah, er betrachtete interessiert das Wechseln der Windeln und die dadurch freigelegte Intimität des kleinen Mädchens.
„Jetzt weiss ich auch, warum die kein Junge ist, die hat ja gar keinen Schniedel!“
Er hielt sich kichernd die kleinen patschigen Händchen vor den Mund, um sie anschließend, nach einer akzeptierenden und typisch männlichen Pose, in den Hosentaschen seiner Lederhose verschwinden zu lassen , und dann zu äußern: „Pööhh, jetzt weiß ich endlich, warum wir sonst nur Jungens haben!“
„Hee Kleiner, Mädels sind schwächer, und Jungens sind dazu da, um auf sie aufzupassen und sie zu beschützen. Denke daran, das haben wir Deinen älteren Brüdern auch gesagt. Ihr müsst Eure kleine Schwester beschützen…!“
Puuh, das hatten sich alle zwar schön gedacht, aber niemand hatte die Rechnung mit „MIR“ gemacht. Ich war pfiffig, trotzig, so, wie Mädels nun mal sind, ich war selbstbewusst und schlau. Ich hatte ja auch die besten Ausbilder: Vier ältere Brüder !
Also, was erwartete man von mir? Waren sie besser im klettern, musste ich sehen, dass ich besser wurde. Waren sie besser beim Fußball, musste ich sehen, dass ich besser „fummeln“ konnte. Waren sie besser im musizieren, musste ich noch eins drauflegen…… usw., usw.
Mein ganzes Leben zog sich dieser rote Faden durch und durch… Alle hatten Ausbildungen bekommen, alle machten ihren Gesellen, Meister, Ingenieur usw. Was machte ich?
Bei uns auf dem Land wurde die Milch entweder mit dem Pferdekarren gebracht, oder aber, als Ella, das alte Pferd, gestorben war, selbst auf dem Hof abgeholt.
Mit „Ella“ war ich aufgewachsen. Sie bekam täglich, seit ich laufen konnte, von mir Gras, eine Möhre oder eine trockene Scheibe Brot, wenn sie uns die Milch auf ihrem Karren lieferte.
Dann starb sie. Ich habe sie als 8-jähriges Kind elendig auf der Straße liegen sehen, bis sie ein Landarzt von ihren Leiden durch eine Spritze erlöste.
Lange habe ich um Ella getrauert, jahrelang, bis ich dann irgendwo so um die zwölf Jahre alt war. Wir holten bis dahin unsere Milch selbst vom Bauernhof ab. Meistens zufus, bis....
Ich saß also zunächst mal am Wochenende auf der Mauer und überlegte, wessen Bruder´s Auto ich denn als erstes reinigen wollte, damit er mich denn mal fahren ließ.
Alle meine Brüder und auch mein Vater, fuhren VW Käfer. Wow, was für ein tolles Auto. Das würde sogar ich fahren können.!
Ich durfte öfters mitfahren und beobachtete jeden Handgriff meiner Chauffeure. War das faszinierend!
Eines Tages war es dann so weit. Einer meiner Brüder fragte mich, ob ich sein Auto putzen würde und ich antwortete; „Nur, wenn Du mich mal fahren lässt:“
Also, geübt, geputzt, geübt und nochmal geübt und nochmals geputzt…. Zuletzt baten sie mich auf Knien, dass ich ihnen die Autos putzte, weil sie wieder ein neues Mädel aufgetan hatten, und ihr jeweils, individuell gestalteter Wagen, der beste sein sollte.
Klar habe ich den hergerichtet, aber nur, wenn ich damit zum Bauernhof fahren und die Milch abholen durfte….
Es hat also auch Vorteile, ältere Brüder zu haben. Das war einfach toll. Fritz flog mit seinem Mercedes damals ein und aus, und lernte mich als neun Jahre jüngere Göre kennen.
Ich lernte, Motoren zu tauschen, Lichtmaschinen auszutauschen oder Keilriemen zu wechseln. Ich konnte Räder wechseln und wusste mir in allen Lagen zu helfen, was Fahrzeuge betraf. Ich war sehr aufmerksam und beherrschte bald jeden Handgriff. Ich war irgendwie – besessen….
Meine Fahrkenntnisse sprachen sich herum, und so durfte ich bei Kartoffel- oder Heuernten Traktoren steuern, weil ich halt jeden Griff beherrschte.
Schließlich machte ich meinen Führerschein mit 17 und bin stolz darauf, dass die siebente Fahrstunde gleichzeitig meine Prüfungsstunde war, obwohl ich in Theorie einmal durchgerasselt war.
Fritz hatte jedenfalls alles seit meinem zwölften Lebensjahr miterlebt. Wir haben uns später etwa 25 Jahre aus den Augen verloren. Erst als mein Mann im Jahr 2002 verstarb, sind wir uns wieder begegnet. Seine Frau kennt mich fast ebenso lange. Sie liebt mich als Freundin und akzeptiert, dass wir jeden Montag unser Bier trinken gehen.
Fritz und ich erzählen an unseren Montagen aus alten Zeiten, haben unseren ersten Feuerlauf gemeinsam hinter uns gebracht und lieben uns außerordentlich – als Freunde! Niemals würden wir unsere Freundschaft missbrauchen!
Seine tolerante Frau und das Vertrauen, dass sie in ihren Mann setzt, erlauben mir wiederum die wunderbaren, gemeinsamen und ungezwungenen Stunden.
Da mein Leben auf einer unberechenbaren Waage liegt, nehme ich mir jede Stunde für mich - wie eine Trophäe und geniesse diese kleinen Auszeiten.
Ich danke für alle gemeinsam erlebten Stunden mit Fritz und bin dankbar für die Toleranz und Treue seiner Frau, meiner Freundin Gabi.
Christiane Rühmann
Heimat ist, wo Pütt ist….
Er hatte genug von den angestaubten grauen Fassaden der Siedlung. Das ganze Stadtviertel lebte vom Bergbau.
Siggi, wie er hier von allen genannt wurde, lebte immer noch in dem Dachgeschoßzimmer mit Schräge und der primitiv zu handhabenden Dachluke. Er lag auf seinem Bett und starrte gegen die Decke. Eigentlich müsste er mal neu tapezieren, aber er hatte es satt, hier länger zu wohnen. Seit seiner Geburt bewohnte er bereits dieses Zimmer. Seine Schwester hatte ihres nebenan und sein Bruder gegenüber. Alles war so grau und trist. In jedem Zimmer hing ein Bildnis der „Heiligen Barbara“, der Schutzpatronin der Bergleute. Er kannte noch nicht einmal wirklich ihre Geschichte und was sie mit den Bergleuten verband, er wusste nur, daß sie sie der Berg sich geöffnet uns sie beschützt haben soll, als sie auf der Flucht vor ihrem fürchterlichen Vater war. Und seither, so sagt es die Heiligenerzählung, beschützt sie alle, die den Berg betreten können und sich unter Tage aufhalten.
Siggi dachte an seinen Vater, der an seiner Staublunge elendig verstorben war. Es war wohl das Schicksal vieler Bergleute. Er war Steiger und nur darauf bedacht, seine Familie glücklich zu machen. Daß er sie eigentlich unglücklich machte, war ihm wohl niemals in den Sinn gekommen, denn schließlich hatte er doch für alles gesorgt. Trotz Unterbezahlung hatte er es geschafft, seiner Familie eine Doppelhaushälfte zu ermöglichen. Die andere Hälfte bewohnte dessen Bruder Atze mit seiner Familie.
Es gab kaum Platz für Spiele – aber es gab viel Platz für viel Herz!
Das Wochenende verbrachten sie stets in ihrem kleinen Schrebergarten, gleich neben den Bahnschienen. Er war wie eine Oase, in der sie sich erholen konnten. Hier vergaßen sie ihre ewige Angst vor Grubenunglücken und die Geldnot wegen der ständigen Arzt- und Arzneirechnungen.
Nun ja, es war doch irgendwie schön, wenn sie gemeinsam dort hin marschierten und Mutter Apfelkuchen oder „Muschipizza“, wie Onkel Atze frecherweise die Pflaumenplatte nannte, gebacken und alles in dem Bollerwagen verstaute, auf dem auch kurzfristig eine Kiste Bier parkte, in ihre Oase zogen. Die vorbeifahrenden Güterzüge nahm niemand mehr so wirklich wahr. Sie gehörten einfach zu aller Tagesablauf dazu. Man sprach halt etwas lauter, wenn einer vorüber donnerte.
Auch sonst war es ja gar nicht so übel hier. Gleich um die Ecke befand sich ein Kiosk, wo es außer den Zigaretten, Zeitungen und einer Flasche Bier auch noch immer ein nettes Pläuschken gab. Daneben befand sich ein altes Ziegelgebäude, hinter dessen poröser Fassade Siggi ein Geheimversteck hatte. Hier hatte er Briefe versteckt, die dem Leser seine heimliche Liebe zu Giesela preisgeben würden. Auch einen Wimpel hatte er dort deponiert, von seinem Verein, dem FC Schalke 04. Zu Hause konnte er ihn nicht aufbewahren, weil sämtliche Freunde und seine Familie Fans des VFL und der BORUSSIA waren. Er war nicht stark genug, zu seinem Verein zu stehen, aber heimlich – heimlich betete er seine Favoriten an.
Ja, und nun, nach Vaters Krebstod war er das Familienoberhaupt und hatte dafür zu sorgen, daß Geld in die Kasse floß. Aber er war nun mal kein Bergmann, wie sein jüngerer Bruder oder sein Onkel. Selbst seine Schwester arbeitete auf der Zeche, allerdings in der Verwaltung.
Siggi war anders. Er suchte neue Herausforderungen, wollte die Welt sehen, seinen geistigen Horizont erweitern und mehr Geld verdienen, als er es hier auf´m Pütt könne. Er wollte einfach raus aus dem Ruhrpott.
Daher hatte er sich bei einer Baufirma beworben, die in Japan nach europäischem Muster Wohnsiedlungen bauten. Er hatte nach Abschluss der Schule Maurer gelernt und war mittlerweile Maurermeister, also für die Baufirma bestens geeignet.
Das Vorhaben sollte zwei Jahre dauern und würde ihm außergewöhnlich viel Geld bringen, das er natürlich seiner Familie zu Gute kommen lassen würde. Was hatte er hier denn auch für eine Zukunft? Er musste es nur noch irgendwie seiner Familie beibringen.
Nach seiner Offenbarung bei einer Familiensitzung, zeigten jedoch alle mehr Verständnis für seine Entscheidung, als er angenommen hatte. Das erleichterte ihm den Abschied natürlich ungemein. Er packte seine Sachen und folgte dem fast unwiderstehlichen Angebot.
Die Zeit verging und sie hatten eine Menge Häuser in Koshido erbaut. Er befand sich bereits seit etwas mehr als einem Jahr hier. Die Baufirma hatte gute Arbeit geleistet und aus diesem Grund weitere Aufträge in Japan erhalten. Er erhielt bei bereits allerbester Bezahlung das Angebot, weitere zwei Jahre hier zu verbringen und den Aufbau voran zu treiben. Sein Lohn sollte weiter aufgestockt werden und darüber hinaus konnte er jedes Vierteljahr einmal nach Hause fliegen.
Er stand vor einer neuen Entscheidung. Seine Gedanken kreisten und waren im Moment genau so verstaubt, wie die Fenster in der Umgebung der alten Zeche in seiner Heimat.
Je mehr er nachdachte, umso klarer wurde es in seinem Kopf und sein Entschluß immer deutlicher. All das, vor dem er geflüchtet war, wurde zu einer Schlinge, die ihm den Hals zuschnürten. Ihn plagte Heimweh! Ihn, den Revolutionär, den Ausreißer, der vor der Realität davon gelaufen war!
Wie mochte sich seine Mutter wohl fühlen, ohne ihn? Was war mit seiner kleinen Schwester, dem Bruder und seinen Kumpels? Was war sein Leben hier überhaupt ohne seinen Pütt? Er war in dem einen Jahr, seitdem er hier war, noch nicht zu Hause gewesen. Briefe, die sie wechselten, brauchten sehr lange und immer beteuerten ihm alle, daß es ihnen gut gehe, zu Hause.
Auf einmal liefen Tränen ohne Aufhalt über seine im Lauf der Zeit fahl gewordenen Wangen. Er ließ ihnen ihren Lauf und begann sogar, laut zu schluchzen.
Genau da faßte er den Entschluß: Er mußte zurück , zurück nach Bottrop in die Zechensiedlung. Er sehnte sich plötzlich nach den Reibereien, die es von Zeit zu Zeit gab, nach den Frühschoppen im Revier, dem Getratsche seiner Familie, Freunden und Nachbarn. Die Fremde war doch nichts für ihn, das wußte er nun. Sie war einfach nicht seine Welt….
Mit einer Notlüge familiärer Art, entließ die Gesellschaft ihn schließlich nach seinem Entlassungsersuchen, vorzeitig aus dem Vertrag, wenn sie ihn auch nicht gerne gehen lassen wollten. Er hatte sogar noch eine Sonderzahlung zu erwarten, weil er mit großem Einsatz für das Unternehmen tätig gewesen war.
Erst, als er knapp eine Woche später in der Straßenbahn zur Zeche saß, hellte sich sein Gesicht auf. Alles sah noch genau so aus, wie vor einem Jahr. Niemand wußte von seiner Rückkehr, er wollte alle überraschen.
Um selbst erst einmal ‚anzukommen‘, war er drei Stationen vor zu Hause ausgestiegen. Er schulterte seinen Seemannssack und legte den Rest des Weges zu Fuß über die Aegidisstraße zurück.
Wie in Trance stieg er also aus der Bahn, schaute entlang der immer noch rötlichgrauen Häuserfassaden und bemerkte erst jetzt, wie schön Bottrop doch war. Er näherte sich dem alten Ziegelgebäude mit seinen losen Steinen, entfernte, nachdem er sich vergewissert hatte, daß ihn niemand beobachtete, den immer noch losen Block und stellte fest, daß seine Geheimnisse noch vorhanden waren. Er griff in die Jackentasche und zog das Flug- und Bahnticket heraus und legte diese seinen Schätzen bei. Dann verschloß er mit dem Ziegel wieder seinen Geheimbunker und machte sich lächelnd auf den Heimweg.
Nur noch ein paar Meter, dann war er daheim. Er klingelte.
Eine alte, eingefallene Frau öffnete ihm die Tür – es war seine Mutter. Sie blickten sich nur kurz in die Augen und fielen sich dann in die Arme.
„Willkommen zu Hause, mein Junge. Ich wußte, daß Du kommst, habe es gespürt“.
Siggi folgte ihr in die Stube und stellte fest, daß sie ihn tatsächlich bereits erwartet zu haben schien. Es sah jedenfalls so aus. Es stand „sein“ Kaffeegedeck auf dem Wohnzimmertisch, und daß es nach frisch gebackenem Apfelkuchen roch, hatte er bereits auf der Straße vor dem Haus wahrgenommen. Liebevoll hatte sie alles zurecht gestellt. Den Kuchen hatte sie bereits in kleine handliche Stücke geschnitten und der frisch gebrühte Kaffe wartete in einer Kanne auf einem Stövchen darauf, daß er bald getrunken würde.
Mutter hatte ihn also tatsächlich erwartet. Tag für Tag glaubte sie an seine Rückkehr, nur heute war sie sich sicher, daß er kommen würde.
Endlich war er wieder daheim auf dem Pütt! Wie gut das tat….
Kurz nach seiner Heimkehr erhielt er eine gut bezahlte Stelle als Meister in einem Bauunternehmen. Er begann sogar, seine Gedanken, Empfindungen und Emotionen niederzuschreiben. Er verfaßte sie in kleine Kapitel, die er in dem Püttblättchen, das wöchentlich erschien, veröffentlichen konnte. Sie beschrieben sein Erlebtes, den Fortgang und die Heimkehr in sein geliebtes Bottrop. Der Titel seiner Veröffentlichungen lautete:
HEIMAT IST, WO PÜTT IST ……..
(c) Christiane Rühmann
Siggi, wie er hier von allen genannt wurde, lebte immer noch in dem Dachgeschoßzimmer mit Schräge und der primitiv zu handhabenden Dachluke. Er lag auf seinem Bett und starrte gegen die Decke. Eigentlich müsste er mal neu tapezieren, aber er hatte es satt, hier länger zu wohnen. Seit seiner Geburt bewohnte er bereits dieses Zimmer. Seine Schwester hatte ihres nebenan und sein Bruder gegenüber. Alles war so grau und trist. In jedem Zimmer hing ein Bildnis der „Heiligen Barbara“, der Schutzpatronin der Bergleute. Er kannte noch nicht einmal wirklich ihre Geschichte und was sie mit den Bergleuten verband, er wusste nur, daß sie sie der Berg sich geöffnet uns sie beschützt haben soll, als sie auf der Flucht vor ihrem fürchterlichen Vater war. Und seither, so sagt es die Heiligenerzählung, beschützt sie alle, die den Berg betreten können und sich unter Tage aufhalten.
Siggi dachte an seinen Vater, der an seiner Staublunge elendig verstorben war. Es war wohl das Schicksal vieler Bergleute. Er war Steiger und nur darauf bedacht, seine Familie glücklich zu machen. Daß er sie eigentlich unglücklich machte, war ihm wohl niemals in den Sinn gekommen, denn schließlich hatte er doch für alles gesorgt. Trotz Unterbezahlung hatte er es geschafft, seiner Familie eine Doppelhaushälfte zu ermöglichen. Die andere Hälfte bewohnte dessen Bruder Atze mit seiner Familie.
Es gab kaum Platz für Spiele – aber es gab viel Platz für viel Herz!
Das Wochenende verbrachten sie stets in ihrem kleinen Schrebergarten, gleich neben den Bahnschienen. Er war wie eine Oase, in der sie sich erholen konnten. Hier vergaßen sie ihre ewige Angst vor Grubenunglücken und die Geldnot wegen der ständigen Arzt- und Arzneirechnungen.
Nun ja, es war doch irgendwie schön, wenn sie gemeinsam dort hin marschierten und Mutter Apfelkuchen oder „Muschipizza“, wie Onkel Atze frecherweise die Pflaumenplatte nannte, gebacken und alles in dem Bollerwagen verstaute, auf dem auch kurzfristig eine Kiste Bier parkte, in ihre Oase zogen. Die vorbeifahrenden Güterzüge nahm niemand mehr so wirklich wahr. Sie gehörten einfach zu aller Tagesablauf dazu. Man sprach halt etwas lauter, wenn einer vorüber donnerte.
Auch sonst war es ja gar nicht so übel hier. Gleich um die Ecke befand sich ein Kiosk, wo es außer den Zigaretten, Zeitungen und einer Flasche Bier auch noch immer ein nettes Pläuschken gab. Daneben befand sich ein altes Ziegelgebäude, hinter dessen poröser Fassade Siggi ein Geheimversteck hatte. Hier hatte er Briefe versteckt, die dem Leser seine heimliche Liebe zu Giesela preisgeben würden. Auch einen Wimpel hatte er dort deponiert, von seinem Verein, dem FC Schalke 04. Zu Hause konnte er ihn nicht aufbewahren, weil sämtliche Freunde und seine Familie Fans des VFL und der BORUSSIA waren. Er war nicht stark genug, zu seinem Verein zu stehen, aber heimlich – heimlich betete er seine Favoriten an.
Ja, und nun, nach Vaters Krebstod war er das Familienoberhaupt und hatte dafür zu sorgen, daß Geld in die Kasse floß. Aber er war nun mal kein Bergmann, wie sein jüngerer Bruder oder sein Onkel. Selbst seine Schwester arbeitete auf der Zeche, allerdings in der Verwaltung.
Siggi war anders. Er suchte neue Herausforderungen, wollte die Welt sehen, seinen geistigen Horizont erweitern und mehr Geld verdienen, als er es hier auf´m Pütt könne. Er wollte einfach raus aus dem Ruhrpott.
Daher hatte er sich bei einer Baufirma beworben, die in Japan nach europäischem Muster Wohnsiedlungen bauten. Er hatte nach Abschluss der Schule Maurer gelernt und war mittlerweile Maurermeister, also für die Baufirma bestens geeignet.
Das Vorhaben sollte zwei Jahre dauern und würde ihm außergewöhnlich viel Geld bringen, das er natürlich seiner Familie zu Gute kommen lassen würde. Was hatte er hier denn auch für eine Zukunft? Er musste es nur noch irgendwie seiner Familie beibringen.
Nach seiner Offenbarung bei einer Familiensitzung, zeigten jedoch alle mehr Verständnis für seine Entscheidung, als er angenommen hatte. Das erleichterte ihm den Abschied natürlich ungemein. Er packte seine Sachen und folgte dem fast unwiderstehlichen Angebot.
Die Zeit verging und sie hatten eine Menge Häuser in Koshido erbaut. Er befand sich bereits seit etwas mehr als einem Jahr hier. Die Baufirma hatte gute Arbeit geleistet und aus diesem Grund weitere Aufträge in Japan erhalten. Er erhielt bei bereits allerbester Bezahlung das Angebot, weitere zwei Jahre hier zu verbringen und den Aufbau voran zu treiben. Sein Lohn sollte weiter aufgestockt werden und darüber hinaus konnte er jedes Vierteljahr einmal nach Hause fliegen.
Er stand vor einer neuen Entscheidung. Seine Gedanken kreisten und waren im Moment genau so verstaubt, wie die Fenster in der Umgebung der alten Zeche in seiner Heimat.
Je mehr er nachdachte, umso klarer wurde es in seinem Kopf und sein Entschluß immer deutlicher. All das, vor dem er geflüchtet war, wurde zu einer Schlinge, die ihm den Hals zuschnürten. Ihn plagte Heimweh! Ihn, den Revolutionär, den Ausreißer, der vor der Realität davon gelaufen war!
Wie mochte sich seine Mutter wohl fühlen, ohne ihn? Was war mit seiner kleinen Schwester, dem Bruder und seinen Kumpels? Was war sein Leben hier überhaupt ohne seinen Pütt? Er war in dem einen Jahr, seitdem er hier war, noch nicht zu Hause gewesen. Briefe, die sie wechselten, brauchten sehr lange und immer beteuerten ihm alle, daß es ihnen gut gehe, zu Hause.
Auf einmal liefen Tränen ohne Aufhalt über seine im Lauf der Zeit fahl gewordenen Wangen. Er ließ ihnen ihren Lauf und begann sogar, laut zu schluchzen.
Genau da faßte er den Entschluß: Er mußte zurück , zurück nach Bottrop in die Zechensiedlung. Er sehnte sich plötzlich nach den Reibereien, die es von Zeit zu Zeit gab, nach den Frühschoppen im Revier, dem Getratsche seiner Familie, Freunden und Nachbarn. Die Fremde war doch nichts für ihn, das wußte er nun. Sie war einfach nicht seine Welt….
Mit einer Notlüge familiärer Art, entließ die Gesellschaft ihn schließlich nach seinem Entlassungsersuchen, vorzeitig aus dem Vertrag, wenn sie ihn auch nicht gerne gehen lassen wollten. Er hatte sogar noch eine Sonderzahlung zu erwarten, weil er mit großem Einsatz für das Unternehmen tätig gewesen war.
Erst, als er knapp eine Woche später in der Straßenbahn zur Zeche saß, hellte sich sein Gesicht auf. Alles sah noch genau so aus, wie vor einem Jahr. Niemand wußte von seiner Rückkehr, er wollte alle überraschen.
Um selbst erst einmal ‚anzukommen‘, war er drei Stationen vor zu Hause ausgestiegen. Er schulterte seinen Seemannssack und legte den Rest des Weges zu Fuß über die Aegidisstraße zurück.
Wie in Trance stieg er also aus der Bahn, schaute entlang der immer noch rötlichgrauen Häuserfassaden und bemerkte erst jetzt, wie schön Bottrop doch war. Er näherte sich dem alten Ziegelgebäude mit seinen losen Steinen, entfernte, nachdem er sich vergewissert hatte, daß ihn niemand beobachtete, den immer noch losen Block und stellte fest, daß seine Geheimnisse noch vorhanden waren. Er griff in die Jackentasche und zog das Flug- und Bahnticket heraus und legte diese seinen Schätzen bei. Dann verschloß er mit dem Ziegel wieder seinen Geheimbunker und machte sich lächelnd auf den Heimweg.
Nur noch ein paar Meter, dann war er daheim. Er klingelte.
Eine alte, eingefallene Frau öffnete ihm die Tür – es war seine Mutter. Sie blickten sich nur kurz in die Augen und fielen sich dann in die Arme.
„Willkommen zu Hause, mein Junge. Ich wußte, daß Du kommst, habe es gespürt“.
Siggi folgte ihr in die Stube und stellte fest, daß sie ihn tatsächlich bereits erwartet zu haben schien. Es sah jedenfalls so aus. Es stand „sein“ Kaffeegedeck auf dem Wohnzimmertisch, und daß es nach frisch gebackenem Apfelkuchen roch, hatte er bereits auf der Straße vor dem Haus wahrgenommen. Liebevoll hatte sie alles zurecht gestellt. Den Kuchen hatte sie bereits in kleine handliche Stücke geschnitten und der frisch gebrühte Kaffe wartete in einer Kanne auf einem Stövchen darauf, daß er bald getrunken würde.
Mutter hatte ihn also tatsächlich erwartet. Tag für Tag glaubte sie an seine Rückkehr, nur heute war sie sich sicher, daß er kommen würde.
Endlich war er wieder daheim auf dem Pütt! Wie gut das tat….
Kurz nach seiner Heimkehr erhielt er eine gut bezahlte Stelle als Meister in einem Bauunternehmen. Er begann sogar, seine Gedanken, Empfindungen und Emotionen niederzuschreiben. Er verfaßte sie in kleine Kapitel, die er in dem Püttblättchen, das wöchentlich erschien, veröffentlichen konnte. Sie beschrieben sein Erlebtes, den Fortgang und die Heimkehr in sein geliebtes Bottrop. Der Titel seiner Veröffentlichungen lautete:
HEIMAT IST, WO PÜTT IST ……..
(c) Christiane Rühmann
Nichts leichter als das…..
Angelika war über Mitte fünfzig hinaus und lebte seit fast einem Jahr von ihrem Mann getrennt. Es hatte zwischen ihnen einfach nichts mehr gestimmt, sie hatten sich auseinander gelebt.
Ihre beiden Söhne waren bereits erwachsen und führten jeder sein eigenes glückliches Familienleben. Günther hatte zwei Söhne, Zwillinge Tim und Leon und Olaf hatte ebenfalls Zwillinge, zwei Mädchen, fast gleich alt, wie ihre Cousins.
Oftmals kamen die Kinder am Wochenende, um bei ihrer Oma zu übernachten. Mit ihr machten sie dann immer tolle Unternehmungen, wie schwimmen oder einen Ausflug in den Zoo, Eis essen und vieles mehr, wozu die Eltern oftmals keine Zeit hatten.
Wenn ihre Söhne und Schwiegertöchter von Zeit zu Zeit nachfragten, ob Angelika die Arbeit mit den Kleinen nicht zu viel würde, antwortete sie stets: „Nichts leichter als das.“
Gut gelaunt und hoch erfreut stellte sie sich jedesmal der quirligen Herausforderung. Unter der Woche ging sie noch arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Seit der Trennung von ihrem Mann hatte sie die Grossbäckerei, in der sie bereits fünfzehn Jahre beschäftigt war, als Ganztagskraft eingestellt. Mit dem Verdienst von halben Tagen kam sie nicht aus. Wenn sie dann hin und wieder gefragt wurde, wie sie das denn alles schaffe, antwortete sie wieder: „Nichts leichter als das“.
Ja, Angelika war ein richtiges Energiebündel, kaum zu bremsen und voller Elan, wenn es an neue Herausforderungen ging.
Als ihr nach der Trennung die Wohnung zu gross wurde, entschloss sie sich, in eine kleinere umzuziehen. Wochenlang studierte sie den Anzeigenanteil, bis sie das Geeignete gefunden hatte. Viele Räumlichkeiten hatte sie sich angesehen. Einige waren zu gross, andere zu klein, zu teuer, zu alt, feucht oder hatten andere Mängel, mit denen sie nicht klar kam.
Letztlich hatte sie dann die gemütliche zweieinhalb-Zimmer-Wohnung gefunden, in der sie nun wohnte. Diese war sogar vom Mietpreis so erschwinglich, dass sie nicht jeden Cent umdrehen musste und sich ein recht üppiges Leben leisten konnte.
Sie wollte aller Welt zeigen, dass ein Leben auch ohne Mann machbar war, auch wenn die Trennung eine grosse Wunde auf ihrer Seele hinterlassen hatte. So hatte sie sich vor dem Umzug von vielen Dingen einfach getrennt. Sie spendete die Möbel, Gardinen, Teppiche und Kleidung dem Roten Kreuz, weil sie einen kompletten Neuanfang starten wollte.
Daher richtete sie sich von A bis Z neu ein. Die Mitnehm-Möbel hatte sie vollkommen eigenhändig aufgebaut, hatte tapeziert, gestrichen und die Räume liebevoll mit passenden Accessoirs gestaltet und eine Wohlfühlathmosphäre geschaffen.
Als sie ihre Freundin erstmals zu sich eingeladen hatte, war diese sehr erstaunt. Es war alles so perfekt gelungen, dass sie glaubte, Angelikas Söhne hätten ganze Arbeit geleistet.
„Wieso die Jungs, Helga? Das habe ich alles alleine geschafft. Sogar die Schränke habe ich selbst aufgebaut. Nur den E-Herd hat ein Fachmann angeschlossen“.
„Nee, Angelika, sowas kannst Du?“
„Klar, nichts leichter als das. Wenn man nur will, ist alles realisierbar“.
Geli war stolz auf sich und die anerkennenden Worte ihrer Besucher. Sie hatte nicht einmal ihre Familie über ihr Vorhaben in Kenntnis gesetzt, worüber ihre Söhne zunächst sehr enttäuscht waren. Sie mussten allerdings anerkennend zugeben, dass sie nichts viel besser hätten machen können.
Angelika wollte einfach keinen Mann um sich werken haben, der nach zehn angezogenen Schrauben einen grossen Schluck Bier benötigte, um die nächste Schrankwand aufzustellen. Nein nein, die Zeit war vorüber und ausserdem hatte es ihr riesigen Spass gemacht.
Selbst die Enkel fanden es bei ihrer Oma in der neuen kleinen Wohnung richtig schnuckelig.
Deren kleines Gästezimmer hatte Geli richtig toll gestaltet. So tapezierte sie für die beiden Burschen zwei Wände mit Raketen- und für die Mädchen zwei Wände mit „Hello Kitty“-Tapeten. Rings unter der Decke brachte sie fest gespannte Schnüre an, über die sie bunte Vorhänge gleiten lassen konnte, um die Wand mit den Raketen zu bedecken, wenn die Mädchen bei ihr schliefen, oder die Mädchenwände verschwinden zu lassen, wenn die Jungen bei ihr übernachteten. Das gefiel den Kindern sehr.
Die Zwillinge Tim und Leon hatten ihren Eltern berichtet, dass Oma jetzt ein „Wendelzimmer“ habe, das total cool sei.
Als die Söhne fragten, wie sie das denn gemacht habe, antwortete Angelika nur wieder: „Nichts leichter als das“.
Dann erkrankte Angelika. Man hatte einen bösartigen inoperablen Tumor unter ihrer Schädeldecke festgestellt. Sie war gerade sechzig geworden, als man ihr offenbarte, dass sie kaum länger als ein halbes Jahr mehr zu leben habe. Sie nahm ihr Schicksal an, klagte nicht, obwohl die Kopfschmerzen sehr schnell unerträglich wurden. Erst dann begab Geli sich ins Krankenhaus.
Täglich kam sie ihre Familie besuchen. Schweren Herzens mussten sie mit ansehen, wie ihre geliebte Mutter und Oma mehr und mehr einfiel. Die letzten Tage mussten die Enkel zu Hause bleiben. Sie hatten sich von ihrer geliebten Oma verabschiedet und sollten sie so in Erinnerung und im Herzen behalten, wie sie sie kannten.
Das Sprechen fiel Angelika mittlerweile schwer und als ihr Ältester meinte: „Mama, Du kannst doch jetzt nicht so einfach gehen“, hauchte sie mit letzter Kraft: „Nichts leichter als das“.
Dann schloss sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht für immer ihre Augen…….
(c) Christiane Rühmann
Ihre beiden Söhne waren bereits erwachsen und führten jeder sein eigenes glückliches Familienleben. Günther hatte zwei Söhne, Zwillinge Tim und Leon und Olaf hatte ebenfalls Zwillinge, zwei Mädchen, fast gleich alt, wie ihre Cousins.
Oftmals kamen die Kinder am Wochenende, um bei ihrer Oma zu übernachten. Mit ihr machten sie dann immer tolle Unternehmungen, wie schwimmen oder einen Ausflug in den Zoo, Eis essen und vieles mehr, wozu die Eltern oftmals keine Zeit hatten.
Wenn ihre Söhne und Schwiegertöchter von Zeit zu Zeit nachfragten, ob Angelika die Arbeit mit den Kleinen nicht zu viel würde, antwortete sie stets: „Nichts leichter als das.“
Gut gelaunt und hoch erfreut stellte sie sich jedesmal der quirligen Herausforderung. Unter der Woche ging sie noch arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Seit der Trennung von ihrem Mann hatte sie die Grossbäckerei, in der sie bereits fünfzehn Jahre beschäftigt war, als Ganztagskraft eingestellt. Mit dem Verdienst von halben Tagen kam sie nicht aus. Wenn sie dann hin und wieder gefragt wurde, wie sie das denn alles schaffe, antwortete sie wieder: „Nichts leichter als das“.
Ja, Angelika war ein richtiges Energiebündel, kaum zu bremsen und voller Elan, wenn es an neue Herausforderungen ging.
Als ihr nach der Trennung die Wohnung zu gross wurde, entschloss sie sich, in eine kleinere umzuziehen. Wochenlang studierte sie den Anzeigenanteil, bis sie das Geeignete gefunden hatte. Viele Räumlichkeiten hatte sie sich angesehen. Einige waren zu gross, andere zu klein, zu teuer, zu alt, feucht oder hatten andere Mängel, mit denen sie nicht klar kam.
Letztlich hatte sie dann die gemütliche zweieinhalb-Zimmer-Wohnung gefunden, in der sie nun wohnte. Diese war sogar vom Mietpreis so erschwinglich, dass sie nicht jeden Cent umdrehen musste und sich ein recht üppiges Leben leisten konnte.
Sie wollte aller Welt zeigen, dass ein Leben auch ohne Mann machbar war, auch wenn die Trennung eine grosse Wunde auf ihrer Seele hinterlassen hatte. So hatte sie sich vor dem Umzug von vielen Dingen einfach getrennt. Sie spendete die Möbel, Gardinen, Teppiche und Kleidung dem Roten Kreuz, weil sie einen kompletten Neuanfang starten wollte.
Daher richtete sie sich von A bis Z neu ein. Die Mitnehm-Möbel hatte sie vollkommen eigenhändig aufgebaut, hatte tapeziert, gestrichen und die Räume liebevoll mit passenden Accessoirs gestaltet und eine Wohlfühlathmosphäre geschaffen.
Als sie ihre Freundin erstmals zu sich eingeladen hatte, war diese sehr erstaunt. Es war alles so perfekt gelungen, dass sie glaubte, Angelikas Söhne hätten ganze Arbeit geleistet.
„Wieso die Jungs, Helga? Das habe ich alles alleine geschafft. Sogar die Schränke habe ich selbst aufgebaut. Nur den E-Herd hat ein Fachmann angeschlossen“.
„Nee, Angelika, sowas kannst Du?“
„Klar, nichts leichter als das. Wenn man nur will, ist alles realisierbar“.
Geli war stolz auf sich und die anerkennenden Worte ihrer Besucher. Sie hatte nicht einmal ihre Familie über ihr Vorhaben in Kenntnis gesetzt, worüber ihre Söhne zunächst sehr enttäuscht waren. Sie mussten allerdings anerkennend zugeben, dass sie nichts viel besser hätten machen können.
Angelika wollte einfach keinen Mann um sich werken haben, der nach zehn angezogenen Schrauben einen grossen Schluck Bier benötigte, um die nächste Schrankwand aufzustellen. Nein nein, die Zeit war vorüber und ausserdem hatte es ihr riesigen Spass gemacht.
Selbst die Enkel fanden es bei ihrer Oma in der neuen kleinen Wohnung richtig schnuckelig.
Deren kleines Gästezimmer hatte Geli richtig toll gestaltet. So tapezierte sie für die beiden Burschen zwei Wände mit Raketen- und für die Mädchen zwei Wände mit „Hello Kitty“-Tapeten. Rings unter der Decke brachte sie fest gespannte Schnüre an, über die sie bunte Vorhänge gleiten lassen konnte, um die Wand mit den Raketen zu bedecken, wenn die Mädchen bei ihr schliefen, oder die Mädchenwände verschwinden zu lassen, wenn die Jungen bei ihr übernachteten. Das gefiel den Kindern sehr.
Die Zwillinge Tim und Leon hatten ihren Eltern berichtet, dass Oma jetzt ein „Wendelzimmer“ habe, das total cool sei.
Als die Söhne fragten, wie sie das denn gemacht habe, antwortete Angelika nur wieder: „Nichts leichter als das“.
Dann erkrankte Angelika. Man hatte einen bösartigen inoperablen Tumor unter ihrer Schädeldecke festgestellt. Sie war gerade sechzig geworden, als man ihr offenbarte, dass sie kaum länger als ein halbes Jahr mehr zu leben habe. Sie nahm ihr Schicksal an, klagte nicht, obwohl die Kopfschmerzen sehr schnell unerträglich wurden. Erst dann begab Geli sich ins Krankenhaus.
Täglich kam sie ihre Familie besuchen. Schweren Herzens mussten sie mit ansehen, wie ihre geliebte Mutter und Oma mehr und mehr einfiel. Die letzten Tage mussten die Enkel zu Hause bleiben. Sie hatten sich von ihrer geliebten Oma verabschiedet und sollten sie so in Erinnerung und im Herzen behalten, wie sie sie kannten.
Das Sprechen fiel Angelika mittlerweile schwer und als ihr Ältester meinte: „Mama, Du kannst doch jetzt nicht so einfach gehen“, hauchte sie mit letzter Kraft: „Nichts leichter als das“.
Dann schloss sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht für immer ihre Augen…….
(c) Christiane Rühmann
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