Weihnachtsengel

Der Weihnachtsengel……. Lexi, wie sie liebevoll von ihrer Mama genannt wurde, ist ein aufgeschlossenes zwölfjähriges Mädchen. Eigentlich heisst sie Alexandra, aber bereits von klein auf an hatte sie diesen Spitznamen. Sie wuchs ohne ihren Vater auf, der tötlich verunglückte, als Lexi ein Jahr alt war. Ihre Mutter hatte es nicht leicht gehabt in all den Jahren. Sie war oft überfordert mit der Arbeit und dem Kind. Es gab da leider auch keine Grosseltern, die beide hätten unterstützen konnten. Ihr Papa war ein Waisenkind gewesen und die Eltern ihrer Mama wohnten in Amerika. Einmal war sie mit ihrer Mama dort gewesen, um ihre Oma und Opa zu besuchen. Das war ein schöner Urlaub. Leider nur sehr kurz, weil Mama nicht länger frei bekommen hatte. Lexis Mama war sehr fleissig und sparte jeden Cent, um ihrer Tochter von Zeit zu Zeit etwas bieten zu können. Tag für Tag arbeitete sie in der Bäckerei mitten in der Stadt in der Fussgängerzone. Den ganzen langen Tag war sie auf den Beinen und oftmals abends so geschafft, dass sie oft nach dem Abendbrot auf der Couch einschlief. Alexandra war dann häufig sehr traurig, konnte allerdings ihre Mama verstehen. Dann ging sie ganz alleine zu Bett und stellte sich ihren Wecker so, dass ihre Mama nicht zu spät zur Arbeit kam. Ihr Schulbrot machte sie sich alleine. Deshalb war ihre Mama des öfteren sehr traurig, weil sie ein solches Leben führen mussten. Aber sie war sehr stolz auf ihre Tochter und liebte sie über alles in der Welt. Alle Nachbarn schätzten die nette kleine Familie. Sie hatten auch Mitleid mit ihr. Daher wurde Alexandra häufiger von ihrer Klassenkameradin Lena und ihren Eltern eingeladen, Freizeit mit ihnen zu verbringen und an Aktivitäten teilzunehmen. Lexis Mama war darüber dann sehr erleichtert, aber auch ein wenig deprimiert. Warum musste das Leben nur so schwer sein? An einem Donnerstag im März wurde Alexandras Mutter in der Bäckerei von dem Rektor der Schule angerufen. Es ginge ihrer Tochter nicht so gut, hatte er gesagt. Ihr sei übel, und sie sei fast in Ohnmacht gefallen, daher habe man den Rettungsdienst angerufen, der Alexandra in die Klinik gebracht habe. Fast reglos hatte sie das Decthandy in die Ladeschale zurückgestellt. Der Schock stand ihr im Gesicht geschrieben. „Was ist denn los?“ wollte die Chefin wissen. „Ich muss schnell ins Krankenhaus…..Lexi…..“, sprach es, zog dabei ihre Schürze aus, verliess verstört die Bäckerei und begab sich sofort ins Klinikum. Nachdem sie sich durchgefragt hatte, wo sie ihre Tochter finden könnte, traf sie endlich auf dem Jugendzimmer ein. Sie erschrak erneut, als sie ihre Tochter in dem Bett liegen sah, an Infusionsgeräten angeschlossen und so blass, wie sie sie kaum zuvor jemals gesehen hatte. Eiligen Schrittes lief sie zu ihrer Tochter, die sich offensichtlich sehr schwer tat, ein kleines Lächeln abzugeben. Der Mutter rannen einige Tränen über das Gesicht, als sich die Türe öffnete und der Oberarzt das Zimmer betrat. Er prüfte Alexandras Puls, fühlte ihre Stirn und nickte leicht mit dem Kopf. Er bat die Mutter in sein Sprechstundenzimmer. Frau Steinmeier folgte ihm unruhig. Als sie Platz genommen hatte, sah sie den Arzt mit bangen und fragenden Augen an. „Tja, Alexandra hat eine sehr seltene Stoffwechselerkrankung, wie es aussieht. Wenn die Laborberichte da sind, werden wir Näheres wissen. Bis dahin braucht sie unbedingte Ruhe. Wir haben ihr ein leichtes Beruhigungsmittel gegeben, sie wird gleich schlafen. Ich rate ihnen, nach Hause zu gehen und zu warten, bis wir Sie anrufen.“ „Das können Sie nicht im Ernst von mir erwarten und was überhaupt für eine Stoffwechselerkrankung? Bislang hat ihr doch nichts gefehlt.“ „Bitte, Frau Steinmeier, lassen Sie uns das besprechen, wenn das Ergebnis da ist. Meinetwegen können Sie natürlich auch bei Ihrer Tochter bleiben.“ Nachdem sie in der Bäckerei angerufen und erklärt hatte, was passiert war, wurde ihr gesagt, dass sie sich alle Zeit der Welt nehmen solle, um bei ihrer Kleinen zu sein. Sie solle sich keine Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen. Man würde so lange wohl ohne sie auskommen. Ein wenig erleichtert begab sie sich zurück ins Krankenzimmer, um sich auf einem Stuhl neben Lexis Bett niederzulassen. Sie streichelte ihrem einzigen Sonnenschein liebevoll mit dem Rücken ihres Zeige- und Mittelfingers über die blassen Wangen. Alexandra schlief. Nach einer Weile fielen auch ihr die Augen zu und ihr Kopf sank auf das Kopfkissen ihrer Tochter. Bis zum Abendbrot hatten die Krankenschwestern diesen Zustand geduldet, dann aber weckten sie Frau Steinmeier auf und baten sie, nach Hause zu gehen. Sie überreichten ihr eine heisse Tasse Tee und meinten, dass sie ja gleich morgen früh wiederkommen könne. Also begab sie sich beunruhigt und traurig nach Hause. Hier wurde sie gleich von den Nachbarn angesprochen: „Lexi ist heute nicht von der Schule nach Hause gekommen. Ist alles in Ordnung?“ „Nein, sie liegt im Krankenhaus, wurde von der Schule mit dem Rettungswagen abgeholt. Sie wissen noch nichts genaues. Irgendeine Stoffwechselerkrankung oder so. Genaueres werden wir erst wissen, wenn die Laborwerte da sind.“ „Oh , das tut uns leid . Können wir etwas für Sie tun? Bitte sagen Sie uns nur Bescheid. Und grüssen Sie Lexi schön, wenn Sie morgen früh zu ihr fahren, ja?!“ „Ja, das werde ich machen. Danke“ . Dagmar Steinmeier schloss die Tür zu ihrer Wohnung auf, zog den Mantel aus, begab sich in ihr Schlafzimmer, warf sich aufs Bett und begann, bitterlich zu weinen. Sie fragte sich, warum es ausgerechnet ihre kleine Familie so schwer treffen müsse. Darüber schlief sie ein. Am anderen Morgen wachte sie verstört auf und glaubte, es sei alles nur ein Traum gewesen, bis sie begriff, dass die Realität sie wieder eingeholt hatte. Sie beschloss, erst ein heisses Bad zu nehmen und anschliessend sofort ins Klinikum zu fahren. Frisch und gedanklich ein wenig sortierter fuhr sie gegen 8.00 Uhr los. Als sie das Krankenzimmer betrat, hatte Alexandra bereits auf sie gewartet. „Mama“, hauchte sie. „Schön, dass Du da bist“. „Mein Engel, wie fühlst Du Dich? Ich bin ja jetzt da.“ Nach der Frühvisite hatte sie Gelegenheit, mit dem Arzt zu sprechen. Inzwischen waren die Untersuchungsergebnisse vorhanden, die er nun mit Dagmar besprechen wollte. „ Frau Steinmeier, ich muss ihnen leider mitteilen, dass Alexandra tatsächlich an einer Stoffwechselerkrankung leidet. Leider ist es hier in Deutschland nicht möglich, diese exakt und entsprechend zu behandeln. Es gibt Untersuchungsergebnisse aus den USA, wo man diese Krankheit bereits erfolgreich behandelt hat. Dort könnte auch Ihrer Tochter geholfen werden. Leider übernehmen diese Behandlung unsere deutschen Krankenkassen nicht und die Behandlung ist recht aufwendig und dementsprechend teuer. Ohne eine Behandlung hat Alexandra höchstens noch zwei Jahre zu leben. Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine positivere Mitteilung machen kann. Wenn Sie es wünschen, kann ich Ihnen einen entsprechenden Kontakt verschaffen. Sie müssen sich allerdings nicht heute entscheiden. Lassen Sie sich nur alles ruhig durch den Kopf gehen und wenn Sie Fragen haben, können Sie mich jederzeit ansprechen.“ Nein, nicht auch noch Alexandra! Auf keinen Fall wollte sie ihre Tochter auch noch verlieren. Was sollte sie nur tun. Etwa 50.000 € sollte die Behandlung kosten, hatte der Arzt gesagt. Dabei hatten sie doch kaum Geld, um den Monat zu überstehen. Dagmar war verzweifelt. Ihr gingen so viele Dinge durch den Kopf. Am Nachmittag begab sie sich kopflos nach Hause, wo sie erneut von einigen Nachbarn angesprochen wurde, die wissen wollten, wie es Lexi heute ging. Dagmar begann erst zu schlucken und schluchzte dann laut los. Entsetzen machte sich unter den Nachbarn breit. Dagmar eilte zu ihrer Wohnungstür und verschwand eiligst dahinter. Frau Becher ergriff als erste die Initiative und sprach alle Nachbarn an, ob sie nicht mit einer Spende dazu beitragen wollten, der liebenswerten Alexandra zu helfen. Sofort und spontan entschlossen sich ausnahmslos alle von ihnen, mit einer bestimmten Geldsumme die kleine Familie zu unterstützen. Es tat ihnen allen so leid, dass dies auch noch ausgerechnet vor Weihnachten stattfand. Familie Kellers Sohn arbeitete beim Regional-Radiosender und auch er wollte helfen, als er die tragische Geschichte erfuhr. An seinem Arbeitsplatz erzählte er von der Not der Steinmeiers. Spontan gab er die Geschichte im Rundfunk bekannt, und erhielt diesbezüglich eine Menge Telefonanrufe. Massenhaft Zuhörer wollten helfen. Es wurde ein Konto eingerichtet, auf das die Spenden unter dem Kennwort „Lexi“ überwiesen werden konnten. Es war unglaublich, aber innerhalb einer Woche war die Spendensumme auf 46.845,00 € angestiegen. Dagmar hatte inzwischen mit ihren Eltern in den USA telefoniert und ihnen ihre Situation geschildert. „Wir können Dir leider keine 50.000,00 € geben, aber mit 10.000,00 könnten wir Euch aushelfen. Natürlich wollen wir sie nicht zurück haben, sie sollen helfen, Alexandra wieder gesund zu machen. Halte uns bitte auf dem Laufenden. Sprich doch mal mit Deiner Bank, vielleicht geben Sie Dir einen Kredit.“ Toll, Dagmar war schon sehr dankbar über das Angebot ihrer Eltern und erzählte dem Arzt von ihren bisherigen Unternehmungen, Erfolgen und Misserfolgen. Die Bank wollte ihr nichts geben, da sie keine Sicherheiten aufzuweisen hatte. Aber 10.000,00 € waren doch eine Hausnummer! „Na, das ist doch ein Anfang, Frau Steinmeier. Ich kann versuchen abzuklären, ob Sie die Summe in Amerika monatlich abstottern können, wenn Sie es möchten.“ „Ja denken Sie denn, dass das möglich ist?“ Dagmars Gesicht begann sich ein wenig zu entspannen und sie schöpfte neue Hoffnung. „Ich will es versuchen.“ Am anderen Tag war Nikolaustag. Dagmar hatte eine kleine Überraschungstüte für Lexi zurechtgemacht. Auch einige der Nachbarn hatten kleine Geschenke abgegeben, die sie mit ins Krankenhaus nehmen sollte. Alexandra hatte bereits voller Sehnsucht auf ihre Mama gewartet. Ihre Augen leuchteten sogar wieder ein wenig, als sie alles auspacken durfte. Plötzlich klopfte es an der Türe und ein Engel betrat den Raum. Er sah wunderschön aus, trug ein bodenlanges weisses Gewand und auf dem Rücken hatte er weisse Flügel. Sein silbernes Haar reichte bis fast auf die Hüften. Ihm folgte der Oberarzt, eine Krankenschwester und jemand mit einer Kamera. Lex und ihre Mum staunten und hielten dies für eine Unternehmung der Klinik, um den Kindern eine Freude zu machen. Aber es war anders. Der Engel begab sich direkt zu Alexandra, reichte ihr die Hand und meinte mit kristallklarer Stimme: „Liebe Alexandra, ich bin der Weihnachtsengel und wurde von Deinen Freunden, Bekannten und vielen Spendern beauftragt, Dir diesen Brief zu überreichen. Du wirst darin etwas finden, was Dir helfen soll, Deine Krankheit zu überstehen und wieder total zu gesunden.“ Er überreichte ihr einen Umschlag, den Lex sofort öffnete. Sie holte einen Scheck hervor, auf dem die Summe 46.845,00 € ausgewiesen war. Dagmar konnte es kaum fassen. „Ist das wirklich wahr, man hat gesammelt für Lexi?? Danke, danke, danke…… !!!! Ich kann es immer noch nicht fassen!“ Lex und ihre Mama umarmten sich als erste und danach fielen sie dem Engel um den Hals. Der Mann mit der Kamera war die ganze Zeit damit beschäftigt, die Geschehnisse im Bild festzuhalten. Allen, sich im Raum Befindlichen, standen Tränen in den Augen und man freute sich mit der kleinen Familie Steinmeier. Der Tag endete aufregend. Sofort hatte der Oberarzt mit seinen Kollegen in Amerika telefoniert und einen Termin für das Mädchen festgemacht. Gleich im neuen Jahr sollte die Reise losgehen, genau genommen schon am 01. Januar. Dagmars Chef hatte seine beste Mitarbeiterin hierfür selbstverständlich freigestellt und auf die gefragte Summe von 50.000,00 € die fehlenden 3.155,00 € noch draufgelegt. Es war unfassbar, aber nun würden Dagmar und Lexi mit dem zusätzlichen Geld von den Grosseltern den Aufenthalt in den Staaten spielend überstehen. Sie haben überstanden! Lexi wurde nach einer entsprechenden Therapie wieder völlig gesund. Nach ihrer Rückkehr aus den Staaten haben sich Lex und ihre Mutter im Radio bei allen Spendern bedankt. Es war sehr rührend. Für die Nachbarn gaben sie ein kleines Fest und für die Bäckereibesitzer backten sie ein riesiges Herz aus Hefeteig mit Rosinen und Koriander. Seitdem glauben sie an Engel – speziell an Weihnachtsengel! (c)Christiane Rühmann
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