Leben


Leben heißt nicht hinnehmen,
sondern gestalten…


© Christiane Rühmann

Einladung zu meinem 60. Geburtstag

Ich lade zu meinem 60. Geburtstag ein. Dies ist keine öffentliche  facebook-Veranstaltung, sondern nur eine Einladung für Freunde der Literatur und Freunden, die gerne Spaß haben und sich an Gitarren- und Saxophon-Tönen erfreuen können.
Wenn Ihr zu diesen gehört und beabsichtigt, dabei zu sein, dann seid Ihr herzlich willkommen.

Gefeiert wird zum 'Brunch' um 11.00 Uhr in der "Villa Rhodius", Bergische Landstr. 82 A, 51375 Leverkusen-Schlebusch am Samstag, den 15. Februar 2014.

Wenn Ihr teilnehmen möchtet, gebt mir bitte bis zum 31.01.2014 Eure Teilnahme bekannt unter 0151-149 62 457, 02174-625 19 oder via email unter christiane-ruehmann@t-online.de.






Ich freue mich auf Euch !!!

Laßt die Sonne stets auf und nicht untergehen, genießt die schönen Momente im Leben, erfreut Euch an schönen Dingen und bemerkt, welche "schönen Spuren'" das Lebensmeer in Eurem Leben hinterlässt !!!

Dachbodengestöber




Eine große Trinkwassertalsperre sollte es werden, die den gesamten Kreis mit ihrem reinen Wasser versorgen sollte.
Bereits vor Jahren wurde dies beschlossen, doch ließen sich die dort seit  Jahrzehnten oder sogar seit Jahrhunderten mit ihren generationsübergreifend ansässigen Bewohnern, die hier zum größten Teil ihre Landwirtschafts- und Obstbaubetriebe bewirtschafteten, nicht so ganz kampflos aus ihrer gewohnten Umgebung vertreiben. Manche allerdings nahmen widerstandslos und bereitwillig die ihnen wegen der Umsiedlung angebotene Abfindung entgegen, bauten sich anderswo eine neue Existenz auf. Überwiegend waren es jüngere Familien, die diesen Schritt wählten. Die älteren Siedler hingegen, weigerten sich kämpferisch, ihren gewohnten Lebensraum zu verlassen.
Auf einer Bürgerversammlung im Dorfkrug, der sich dort noch befand, wo später die Sperrmauer gebaut werden sollte, traf man sich, um nochmals mit den Abgeordneten des Landes über die Umsiedlung zu verhandeln. Protestantisch nahmen die hartnäckigen Ortsbewohner an dieser Zusammenkunft teil und erreichten zu guter Letzt, dass die Regierung die angebotene Abfindung pro Familie noch um einige tausend Mark erhöhte. Insgeheim hatten, selbst von den alt eingesessenen Anwohnern, manche genau darauf spekuliert. Was sollte man denn schließlich auch noch hier? Die Jugend hatte es längst verschlagen. Nicht einmal mehr einen Doktor gab es in ihrem Dorf. Also, warum nicht auch weg von hier? Das angebotene Geld würde für den Lebensabend sicher ausreichen.
Nach sich über Jahre hinweg ziehenden Verhandlungen, wurde das Land nun endlich Sieger – oder hatten doch die Anwohner gesiegt?
Egal. In den kommenden Monaten hatten die Möbelspediteure aus den näher gelegenen Städten einiges zu tun. Transport für Transport wurden Hab und Gut in ein neues Leben befördert. Am unteren Ende des Tales hatte man derweil damit begonnen, Wälder zu roden und vereinzelte Gehöfte dem Erdboden gleich zu machen. Andere Gebiete wollte man nur fluten.
Aus unbeteiligter Sicht betrachtet, sah man hier den Beginn eines neuen Zeitalters.
Bevor Schmitzens ihr geliebtes Gehöft verließen, verkauften sie noch durchaus brauchbare Wertegenstände, wie z.B. den alten Traktor, den Mähdrescher oder den Gülletank-Anhänger. Von diesen Erlösen wollten sie sich neue Möbel leisten. Sie wollten ihren Lebensabend genießen, das hatten sie sich vorgenommen. Den Kindern und Enkeln war das nur recht, sie liebten ihre Eltern und Großeltern, begrüßten, dass sie sich endlich der Neuzeit beugten.
Katja, Schmitzens Enkelin, hatte Kunst studiert und arbeitete zur Zeit bei einem Restaurateur. Nebenher betrieb sie mit ihrer besten Freundin Rike einen kleinen Trödelladen in der nächsten Kleinstadt, der recht gut florierte. Nun kam ihnen der Gedanke, sich vor der Flutung, in der „Geisterstadt“  ganz ungezwungen auf den Dachböden der noch verbliebenen Häuser umzuschauen, um nach Raritäten zu suchen.
Um nicht als Plünderer da zu stehen, holten sie sich von Schmitzens und den übrigen Ex-Bewohnern die Erlaubnis hierzu ein. Alle kannten Katja – schließlich war sie ebenfalls hier aufgewachsen und jeder mochte das aufgeschlossene lustige Mädchen, mit seinen Sommersprossen und geflochtenen Haaren, das zu einer stattlichen Frau geworden war.
Daher gab es keinen Grund, ihrem Begehren nicht zuzustimmen, etwa zu untersagen, sich in den alten Gemäuern umzuschauen. Hier gab es ja eh nur noch alten Krempel, meinten sie.
Katja und Rike sahen das anders. Sie hatten sogar eine Idee, die sie sich aber nochmal genauer durch den Kopf gehen lassen wollten.
Am Wochenende hatten die beiden verabredet, sich in Katjas Jugenddorf umzuschauen. Sie fuhren gemeinsam mit dem Pick-up des Restaurators am frühen Morgen los. Es war schon etwas gespenstisch, alles hier so verlassen und ohne Leben vorzufinden, aber es hatte auch einen Hauch von Abenteuer. Sie betraten das Haus der Schmitzens. Es befanden sich kaum noch Möbel hier. Die meisten waren auf dem Sperrmüll gelandet oder waren mit umgezogen worden. Nur noch wenige Stücke, die als alt und wertlos galten, konnte man vereinzelt in den ansonsten leeren Räumen finden.
„Schau mal hier, die alte Kommode, ist sie nicht wunderschön? Die muss ja schon mindestens hundertfünfzig  Jahre alt sein. Mal schauen, ob die Schubladen leer sind.“ Rike öffnete eine Lade nach der anderen. Sie waren inhaltslos. Katja machte sich auf den Weg, über knarrende Dielen, zur Dachbodentreppe, um diese nach oben zu steigen. Vorsichtig öffnete sie die Luke, und blinzelte durch den schmalen Spalt auf den staubigen Dachboden. Als Kind war sie oft hier oben gewesen, hatte gespielt, mit ihren Puppen, oder hatte sich verkleidet mit den alten Kleidern, die sie in der Truhe der Großmutter gefunden hatte. Sie schulterte den Lukendeckel und öffnete ihn ganz.
„Rike, komm mal schnell!“
„Wo bist Du?“
„Hier oben, auf dem Dachboden.“
Rike stapfte nun ebenfalls die Stufen empor. Sie kannte solche Dachböden nicht, war in der Stadt aufgewachsen und kannte nur Kellerverschläge.
„Wow“, staunte sie: „Ist das toll hier“.
Sie öffneten die verstaubten Dachfenster und entfernten die dunklen Gardinen vor den Gaubenfenstern, schlugen die Fensterflügel auf und atmeten zunächst einmal gründlich durch.
„Schau Dir mal die Aussicht an, Rike. Von hier oben habe ich oft Papierschwalben fliegen lassen oder mit Kirschkernen gespuckt. Wenn ich traurig war, habe ich mich hier auch heimlich versteckt und geweint. Irgendwo muss hier doch die alte Truhe stehen, in die Oma alles alte Krams gepackt hat.“
Sie schauten sich um. Da stand sie ja. Puuhh, war die verstaubt. Behutsam öffneten sie gemeinsam den gewölbten Deckel, der mit unglaublich schönen Scharnieren verziert war. „Katja, allein die Truhe ist ein Schätzchen!“
Rike war begeistert. Ihr Inhalt sollte beide Frauen noch mehr begeistern.
Obenauf befanden sich wunderschöne alte Rüschenblusen. Hah, da war ja das alte Schnürkorsett, in dem Tanjas Urgroßmutter bereits gesteckt hatte. Hierüber gab es sogar ein Foto, schwarz-weiß und mit vernebelten Rändern. Unter weiteren Kleidungsstücken befand sich ein mit rotem Seidenband geschnürtes Päckchen.
„Schau mal, das sieht aus, wie Briefe.“
Tanja öffnete die Schleife und einen der Umschläge.
„Liebesbriefe……!“
Sie lächelte, als sie die Zeilen überflog.
„Die sind von meinem Großvater – aus dem Krieg, an meine Oma. Wie süüüüüsss…, sie hat sie alle aufbewahrt.“
Die jungen Frauen stöberten weiter und entdeckten ein Schätzchen nach dem anderen. Je mehr sie fanden, umso entschlossener waren sie, ihre gemeinsame Idee umzusetzen. Ja, das wollten sie tun.
Allein in diesem Haus gab es noch Etliches zu entdecken, wie mochte es wohl in den anderen Häusern des zukünftigen ‚Atlantis‘ aussehen? Alles an einem Tag zu besichtigen, schafften sie sowieso nicht. Das würde ein längeres Unternehmen werden, aber auch ein spannendes und hoffentlich erfolgreiches.
Am Abend fuhren sie mit einem bereits vollgeladenen Transporter zurück in die Stadt. Das mitgebrachte Gerümpel luden sie in der alten Bücherei ab. Diese war ins Rathaus umgezogen. Sie brauchten für die Räumlichkeiten vorübergehend noch nicht einmal Miete zu zahlen.
In den kommenden Wochen arbeiteten beide von morgens bis abends an der Umsetzung ihrer Idee. Nur wenige Freunde waren eingeweiht und informiert, was ihre Planung anbelangte. Tanjas Chef, der Restaurateur,  unterstützte sie ebenfalls, so gut er konnte. Nun wurde es langsam Zeit, sich um die Briefe zu kümmern. Briefe?
„Tanja, hast Du die Einladungen schon gedruckt? Wir müssen sie allmählich verschicken.“
 „Ja, sie sind fertig und müssen nur noch mit den Anschriften versehen werden“. 
Die Anschriften aller ehemaligen „Geisterdorf-Bewohner“, hatten sie mit Hilfe des Einwohnermeldeamtes oder Verwandter und Bekannter in Erfahrung gebracht. Sie sollten alle nochmal wieder, so wie früher im alten Dorfkrug, zusammen finden und einen Ort haben, an dem sich ihre Erinnerungen geballt aufhielten und gegenwärtig waren.
Tanja und Rike hatten aus den alten Bücherei-Räumen ein Museum gemacht -  ein Heimatmuseum.  
Es war wunderschön geworden. Mit viel Sachkenntnis und Liebe zum Detail platzierten sie alle Überbleibsel in den vier ihnen zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten. Den Segen des Bürgermeisters und der Gemeindeverwaltung hatten sie. Diese waren sogar von der Idee begeistert.
Es gab einen Raum, in dem landwirtschaftliche Hilfsgüter zu finden waren, wie etwa Dreschflegel, eine Rüben- und Runkel-Schnipsel-Maschine, Sensen, Sicheln, Holz-Schubkarren und Ähnliches.
Im zweiten Raum befanden sich Dinge rund um die Küche, wie alte Kohleherde, Koch- und Essgeschirr, von Hand zu drehende Kaffeemühlen, gehäkelte Topflappen in sämtlichen Mustern, Holzlöffel, Schöpfkellen usw., aufgelockert durch altmodische Küchenschränke mit ihren Brotfächern und mit Gardinchen behangenen Schranktüren.
Selbst große Wäschebottiche, deren Wasser von unten noch mit Holzfeuer oder Briketts auf Kochtemperatur gebracht werden mussten, waren hier aufgestellt. Waschbretter und Wäschezangen gehörten ebenso dazu.
Viele Requisiten waren noch handgefertigt, gezimmert, geschustert, verziert, graviert oder Sonstiges und trugen noch die Initialen ihrer Schöpfer.
Im nächsten Zimmer konnte man Kleidungsstücke bewundern. Tanja und Rike hatten sich von einer Bekleidungsfirma zu diesem Zweck Schaufensterpuppen sponsern lassen, denen sie die alten Reif-Röcke , Rüschenblusen, Küchenschürzen, Petticoats, selbst gestrickte Skipullover und Socken anzogen. In einem alten Ohrensessel hatten sie einer Puppe ein Rüschenkopftuch aufgezogen, ihr eine runde Brille auf die Nase gesetzt, sie mit Omas Kleidung angezogen und ihr noch ein paar Stricknadeln und Wolle in die Hände gegeben. Sie sah wie eine richtig echte Omi aus. Ihre Füße steckten in wulstigen karierten Filzpantoffeln und ruhten auf einer Fußbank. Daneben stand ein Weidenkorb, in dem sich lauter Wollknäuel, Strick- und Häkelnadeln  befanden. Auf einem winzigen Holztischchen, auf einem selbst gehäkelten runden Tischdeckchen stand ein Kerzenständer, der die wohlige Atmosphäre symbolisieren sollte und wohl auch ursprünglich als Lichtspender gedient hatte.  Irgendwie fühlten sie sich in ein anderes Jahrhundert versetzt. Perfekt ! …..
Jetzt nur noch die Gallerie. Tanja und Rike hatten die alten, noch nicht eingerahmten Fotos liebevoll in Holzrahmen gelegt und diese dann versetzt, einige mit Kommentaren versehen, an die Wände in dem letzten Zimmer angebracht. Sie hatten darauf geachtet, diese möglichst nach Familien, Jahrgängen und Ereignissen zu sortieren. Alte Bücher, Zeitungen, viele alte Briefe, auch die von ihren Großeltern, wurden in Glasvitrinen untergebracht und mit Samttüchern unterlegt. Die Schriften der Briefe konnte man wohl sehen, nicht aber die unterzeichnenden Namen. Die hatten sie überlappt und durch einen nächsten Brief abgedeckt. Richtig chic war er geworden, der Raum. Spotleuchten bescherten  den Sehenswürdigkeiten das entsprechende Ambiente. Ach was – das ganze Dorfmuseum war einfach der Hit!
Nächste Woche sollte die Eröffnung sein und sie waren mächtig gespannt, ob alle kommen würden. Ihr Vorhaben hatten sie sogar überregional in den Zeitungen ankündigen lassen. Einige Leute hatten bereits ihr Erscheinen angekündigt. Sie gingen nochmals Raum für Raum durch und veränderten die eine oder andere Dekoration, bis sie der Meinung waren, dass jedes Detail stimmte. Sogar der Bürgermeister hatte den beiden Frauen zu ihrer hervorragenden Arbeit gratuliert und ihnen zugesagt, die Eröffnungsrede zu halten. Gemeinderat und Presse waren ebenfalls eingeladen.
Nun war es soweit. Samstag, 15.00 Uhr. Ein mächtiges Buffet mit Fingerfood, war die Spende des örtlichen Partyservices, der auch die zahlreichen Gläser für die Getränke zur Verfügung gestellt hatte. Nur um die Getränke hatten sich Tanja und Rike selbst zu kümmern.
Über dem Eingangsbereich hing ein selbst angefertigtes Schild. Darauf stand in nostalgischen Buchstaben zu lesen „Dorfmuseum Diereshausen“. Darunter befand sich seitlich ein altes Pult mit einem in Leder gebundenem Gästebuch. Hier konnten sich alle Besucher eintragen. Die beiden hatten einfach an alles gedacht.
Da kamen sie endlich – und wie sie kamen! Drei Reisebusse und etliche PKW rollten vor. Jemand hatte es so organisiert und die Alten reihum abgeholt. Natürlich gab es auch viele Besucher aus der Umgebung, die sich für das neue Museum interessierten.
Wow, damit hatten Tanja und Rike nicht gerechnet, aber sie waren natürlich begeistert, genau, wie die Besucher, die die liebevoll hergerichteten Räume bewunderten und sich oder vielmehr ihre Vergangenheit darin wieder fanden. Sie tuschelten, steckten die Köpfe zusammen, stießen sich gegenseitig an, kicherten und redeten sinnend:
„Weißt Du noch..?“
 Oder: „Guck mal, das war doch unser…., da bist Du ja, oder: Ist das nicht Deine Schrift?……“
Opa Schmitz nahm seine Enkelin stolz in den Arm:
„Tanja, wir alle hier danken Euch von ganzem Herzen. Jetzt haben wir, dank Euch beiden, einen Ort der Vergangenheit, der trotzdem weiter lebt. Ihr seid großartig. Eine ganz tolle Idee von Euch…!“
In der kommenden Woche erreichte Tanja ein Brief ihres Großvaters. Sie öffnete ihn und zog einen großzügigen Scheck in sechsstelliger Höhe heraus – für ihren und Rikes Laden – und das Museum – als Unterhaltungshilfe, sozusagen. Alle ehemaligen Bewohner von Diereshausen hatten zusammen gelegt und so ergab sich diese stattliche Summe.
Geballt bedankten sie sich, obwohl sie sich längst im Gästebuch verewigt hatten, nochmals namentlich aufgeführt,  und gaben ihrer Begeisterung wiederholt Ausdruck für die gelungene Idee und die Freude, die die beiden Frauen ihnen damit gemacht hatten.
So lebt das Dorf weiter, auch wenn es mittlerweile überflutet ist.
© Christiane Rühmann