Mein Leben, Toleranz und Treue……




Ich erzähle nicht gerne über private Dinge – vielmehr, ich erzählte nicht gerne……
Aber hiervon muss ich berichten:

Wer meine Geschichten kennt, kennt auch die, dass ich bereits seit meinem zwölften Lebensjahr Auto gefahren bin. Das liegt daran, dass ich als jüngstes von fünf Kindern und als einziges Mädel aufgewachsen bin. Nie konnte ich genug davon bekommen, wenn die „Männer“ in der Garage an ihren Fahrzeugen bastelten.

Mein Vater hatte eigens dafür in unserem Keller eine kleine Werkstatt eingerichtet. Er liebte seine Söhne über alles. Vater war allwissend und unglaublich geschickt, wenn es um technische Dinge ging. Obwohl er zu 83 % kriegsversehrt war, d.h. sein rechter Arm war durchschossen von kriegerischen Kugeln, hatte er sich, zwar mit Waffengewalt gegen die Ärzte, durchsetzen können, damit sein Arm erhalten blieb, den man ihm im Lazarett amputieren wollte.

Er sollte Recht behalten, so störrisch gewesen zu sein. Er trug eine ganze Weile einen sogenannten „Stucka“, aber der Arm blieb dran. Zwar konnte er sein rechtes Handgelenk nicht mehr selbständig bewegen, aber er konnte dennoch mit den Fingern arbeiten, wenn auch seine Hand sehr deformiert und verkrüppelt war. Er konnte fühlen und greifen, was er durch den Verlust seines kompletten Armes nicht mehr gekonnt hätte.

Verkrüppelt hat er mit eigener Kraft unser Haus, mein Elternhaus, gebaut, in welchem ich geboren wurde. Bis auf zwei von meinen Geschwistern, waren wir alle Hausgeburten.

Muss schon toll gewesen sein damals. Ich weiß nur aus Erzählungen, dass mein jüngster Bruder, der 5 Jahre älter ist, als ich, ausquartiert wurde, zu unserer Tante.

Diese hatte ihn dann gefragt, was für ein Geschwisterchen er sich denn wünschte, und er antwortete:

„Ich habe gaaanz viel Zucker auf die Fensterbank gestreut, damit der Klapperstorch uns diesmal ein Mädchen bringt!“

ICH war geboren, und mein Onkel und meine Tante kamen mit meinem Bruder mit einer Pferdekutsche, denn Busse, Telefon oder ähnliches gab es bei uns auf dem Land noch nicht, am Tag nach meiner Geburt zu uns nach Hause.

Mein Bruder hörte mein Baby-Geschrei und meinte „Haben wir ein Kind?“

„Ja, hattest Du nicht Zucker auf die Fensterbank gestreut?“, fragte Vati.

„Doch, das habe ich, und, ist es ein Mädchen?“

„Ja, Du hast nun eine Schwester.“

„Juchhuuuuu, darf ich sie sehen?“

„Klar, aber Du musst ruhig sein, Mutti braucht noch Ruhe.“

Tante Alma war gerade dabei, mich auszuwickeln, um mir eine frische Windel zu machen. Mutti lag in wohl verdienter Ruhr im Bett. Sie war noch ein wenig erschöpft. Mein Bruder hatte alles voll im Blick und meinte:

„Mutti, bist Du tot? Oooh, wieso ist die denn noch so klein?“

Mutti war nicht tot und antwortete: „Nein, mir geht es gut. Und? Was sagst Du denn zu Deiner kleinen Schwester?“

Aah, er betrachtete interessiert das Wechseln der Windeln und die dadurch freigelegte Intimität des kleinen Mädchens.

„Jetzt weiss ich auch, warum die kein Junge ist, die hat ja gar keinen Schniedel!“

Er hielt sich kichernd die kleinen patschigen Händchen vor den Mund, um sie anschließend, nach einer akzeptierenden und typisch männlichen Pose, in den Hosentaschen seiner Lederhose verschwinden zu lassen , und dann zu äußern: „Pööhh, jetzt weiß ich endlich, warum wir sonst nur Jungens haben!“

„Hee Kleiner, Mädels sind schwächer, und Jungens sind dazu da, um auf sie aufzupassen und sie zu beschützen. Denke daran, das haben wir Deinen älteren Brüdern auch gesagt. Ihr müsst Eure kleine Schwester beschützen…!“

Puuh, das hatten sich alle zwar schön gedacht, aber niemand hatte die Rechnung mit „MIR“ gemacht. Ich war pfiffig, trotzig, so, wie Mädels nun mal sind, ich war selbstbewusst und schlau. Ich hatte ja auch die besten Ausbilder: Vier ältere Brüder !

Also, was erwartete man von mir? Waren sie besser im klettern, musste ich sehen, dass ich besser wurde. Waren sie besser beim Fußball, musste ich sehen, dass ich besser „fummeln“ konnte. Waren sie besser im musizieren, musste ich noch eins drauflegen…… usw., usw.
Mein ganzes Leben zog sich dieser rote Faden durch und durch… Alle hatten Ausbildungen bekommen, alle machten ihren Gesellen, Meister, Ingenieur usw. Was machte ich?

Bei uns auf dem Land wurde die Milch entweder mit dem Pferdekarren gebracht, oder aber, als Ella, das alte Pferd, gestorben war, selbst auf dem Hof abgeholt.
Mit „Ella“ war ich aufgewachsen. Sie bekam täglich, seit ich laufen konnte, von mir Gras, eine Möhre oder eine trockene Scheibe Brot, wenn sie uns die Milch auf ihrem Karren lieferte.

Dann starb sie. Ich habe sie als 8-jähriges Kind elendig auf der Straße liegen sehen, bis sie ein Landarzt von ihren Leiden durch eine Spritze erlöste.
Lange habe ich um Ella getrauert, jahrelang, bis ich dann irgendwo so um die zwölf Jahre alt war. Wir holten bis dahin unsere Milch selbst vom Bauernhof ab. Meistens zufus, bis....

Ich saß also zunächst mal am Wochenende auf der Mauer und überlegte, wessen Bruder´s Auto ich denn als erstes reinigen wollte, damit er mich denn mal fahren ließ.

Alle meine Brüder und auch mein Vater, fuhren VW Käfer. Wow, was für ein tolles Auto. Das würde sogar ich fahren können.!

Ich durfte öfters mitfahren und beobachtete jeden Handgriff meiner Chauffeure. War das faszinierend!

Eines Tages war es dann so weit. Einer meiner Brüder fragte mich, ob ich sein Auto putzen würde und ich antwortete; „Nur, wenn Du mich mal fahren lässt:“

Also, geübt, geputzt, geübt und nochmal geübt und nochmals geputzt…. Zuletzt baten sie mich auf Knien, dass ich ihnen die Autos putzte, weil sie wieder ein neues Mädel aufgetan hatten, und ihr jeweils, individuell gestalteter Wagen, der beste sein sollte.

Klar habe ich den hergerichtet, aber nur, wenn ich damit zum Bauernhof fahren und die Milch abholen durfte….

Es hat also auch Vorteile, ältere Brüder zu haben. Das war einfach toll. Fritz flog mit seinem Mercedes damals ein und aus, und lernte mich als neun Jahre jüngere Göre kennen.

Ich lernte, Motoren zu tauschen, Lichtmaschinen auszutauschen oder Keilriemen zu wechseln. Ich konnte Räder wechseln und wusste mir in allen Lagen zu helfen, was Fahrzeuge betraf. Ich war sehr aufmerksam und beherrschte bald jeden Handgriff. Ich war irgendwie – besessen….

Meine Fahrkenntnisse sprachen sich herum, und so durfte ich bei Kartoffel- oder Heuernten Traktoren steuern, weil ich halt jeden Griff beherrschte.

Schließlich machte ich meinen Führerschein mit 17 und bin stolz darauf, dass die siebente Fahrstunde gleichzeitig meine Prüfungsstunde war, obwohl ich in Theorie einmal durchgerasselt war.

Fritz hatte jedenfalls alles seit meinem zwölften Lebensjahr miterlebt. Wir haben uns später etwa 25 Jahre aus den Augen verloren. Erst als mein Mann im Jahr 2002 verstarb, sind wir uns wieder begegnet. Seine Frau kennt mich fast ebenso lange. Sie liebt mich als Freundin und akzeptiert, dass wir jeden Montag unser Bier trinken gehen.

Fritz und ich erzählen an unseren Montagen aus alten Zeiten, haben unseren ersten Feuerlauf gemeinsam hinter uns gebracht und lieben uns außerordentlich – als Freunde! Niemals würden wir unsere Freundschaft missbrauchen!

Seine tolerante Frau und das Vertrauen, dass sie in ihren Mann setzt, erlauben mir wiederum die wunderbaren, gemeinsamen und ungezwungenen Stunden.

Da mein Leben auf einer unberechenbaren Waage liegt, nehme ich mir jede Stunde für mich - wie eine Trophäe und geniesse diese kleinen Auszeiten.

Ich danke für alle gemeinsam erlebten Stunden mit Fritz und bin dankbar für die Toleranz und Treue seiner Frau, meiner Freundin Gabi.

Christiane Rühmann
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