Versteckte Kamera…. oder, wie man am schnellsten Land gewinnt

Mike traf „Checker“, wie seine Freunde Kevin nannten, nach der Schule in der Stadt auf dem Marktplatz.

„He Alter, was geht….?“

„Boah, voll öde, nix los auf der Chaussee. Was meinst Du, sollen wir mal die Leute ein wenig aufmischen?“

„Wie jetzt, was hast Du denn vor?“

„Gleich kommt noch Robbin, der muss mitmachen. Das können wir allerdings nicht hier, dazu müssen wir ins Centro fahren. Hier kennt uns ja jeder. Pass auf Alter, dann geht die Post ab.“

„Mach ´ne Ansage“, forderte Mike.

Checker hatte immer irgendwelche Asse im Ärmel, womit sie sich die Zeit vertrieben. Genau genommen waren es immer nur Streiche, die allerdings meistens sehr effektvoll waren. Das zogen sie in der Regel zu Dritt durch, wobei einer von ihnen die Geschehnisse immer mit der Handykamera aufnahm und diese kleinen Filmchen dann ins Internet stellte.

Sie warteten also auf Robbin und fuhren dann gemeinsam ins Centro. Hier setzten sie sich zunächst auf eine der Bänke und nahmen die Passanten ins Visier. Sie hatten genau besprochen, wie das laufen sollte, was sie vorhatten. Robbin, mit dem leistungsstärksten Handy, hielt sich zum filmen bereit, während sich Checker und Mike einer Gruppe junger Mädels näherten.

„He Maus, Du hast aber ´ne schnuckelige Laufmasche“, meine der Kessere zu einem der Mädel.

Sie schaute sofort rings um ihre Beine –die Kamera lief- und ereiferte sich empört, als sie feststellte, dass es überhaupt keine Laufmasche gab.
Die Jungen fingen lauthals an zu lachen und zeigten auf ihren filmenden Kumpel.

„Versteckte Kamera….“, dröhnten sie und „paafff“ spürte Checker die Hand des Mädels in seinem Gesicht.

„Vollidiot“, schimpfte sie und ging mit ihren Freundinnen weiter.

Au Backe, das hatte gesessen. Er rieb sich lachend seine Wange und fragte seinen Kumpel, ob er die Ohrfeige etwa auch mit gefilmt hätte. Als dieser lachend nickte, verlangte Kevin von ihm, dass er das Video löschen sollte.

„Mach ich später“, meinte Robbin und fingerte an seinem Handy, um es für die nächste Aufnahme startklar zu machen. Diesmal gingen die Burschen auf einen älteren Herren zu, und sprachen ihn an:

„Entschuldigung, Ihr Hosenstall ist offen und ihr Hemd schaut raus.“

Der ältere Herr schaute sofort an sich hinunter und meinte: „Das stimmt doch gar nicht, sitzt doch alles tadellos“.

Die Jungen drehten sich um und zeigten auf Robbin und winkten ihm zu. Rob winkte zurück.

„Tja, mein Herr, wir drehen mit versteckter Kamera und Sie wurden soeben gefilmt. Da drüben sitzt unser Kameramann. Wir wollten nur sehen, wie Sie reagieren.“

„Ach so ist das“, meinte der ältere Herr freundlich, strich sich mit seinen dürren Fingern über seinen breiten Scheitel und winkte mit der anderen Hand dem vermeintlichen Kameramann zu.

„Komme ich jetzt ins Fernsehen?“ wollte er noch wissen und die Jungen antworteten:

„Nein nicht ins Fernsehen, wir arbeiten für´s Internet, speziell für Youtube, da kann man Sie sehen.“

„Ach, das ist schade, ich empfange bei mir kein Internetz. Intermezzo kenne ich, das gab es früher mal.“

„Internet, es heisst INTERNET“, antworteten die beiden.

„Ach so, nun ja, das ist wirklich schade. Also dann auf wiedersehen.“ Er verabschiedete sich und ging seines Weges.

Checker und seine Freunde lachten lauthals und miemten den alten Herren nach: „….ich empfange bei mir kein Internetz…..
He, pass auf, da kommt unser nächstes Opfer“.

Sie wendeten sich diesmal einer knuffeligen alten Oma zu, die auf einen Krückstock gestützt vor einem Schaufenster stehen blieb.

„Guten Tag, junge Frau, Ihr Unterrock ist runtergerutscht…“

Auch sie schaute an sich hinunter, drehte sich ins Hohlkreuz, um sich ein wenig von hinten betrachten zu können und zog dabei ihre Schultern abwechselnd nach oben. Das sah fast aus, wie ein Tanz, ähnlich wie „Houlahoup“. Als sie feststellte, dass jedoch alles in Ordnung war, prusteten die Jungen los und konnten sich vor lachen nicht mehr halten. Die alte Dame war so empört, dass sie rot anlief und stürmte erhobenen Krückstockes auf die Jungen zu, die schleunigst sahen, dass sie Land gewannen. Damit hatten sie nicht gerechnet. Die Alte verfolgte sie, wild mit dem Stock in der Luft fuchtelnd, noch etwa 30 Meter. Erst dann konnte sie wohl nicht mehr, verschnaufte kurze Zeit und ging dann entrüstet weiter.

Robbin hatte alles gefilmt. Das sollte erst mal genügen für heute. Die drei setzten sich in ein Eiscafé, steckten die Köpfe zusammen und sahen sich die Filmchen an. Sie hatten ihre Freude gehabt. Nur Checker war nicht so ganz zufrieden. Die schlechteste Figur hatte er selbst abgegeben: Erst die Backpfeife und dann noch die wild gewordene Oma…….
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„He krass, wie die Alte abgegangen ist“, feixte Rob, „das schmeisse ich gleich auf den Rechner“.

„Hat trotzdem Bock gemacht“, meinte Kevin. „Ich lasse mir halt beim nächsten mal was Neues einfallen“.

Sie schlürften ihre Cola aus und sahen zu, dass sie Land gewannen.

(c) Christiane Rühmann
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