Heubodenspringen........

„Hast Du alle Bleche schon fertig gebacken?“, fragte Bauer Erich seine geliebte Bäuerin.
„Na, was denkst Du wohl?“ prustete sie im zurück
.
Er liebte es, wenn seine Berta sich aufregte. Sie war dabei so „sexy“. Seit über vierzig Jahren waren sie bereits verheiratet und keinen einzigen Tag davon hätten sie missen wollen. Er ging auf sie zu, umschlang Berta mit seinen unglaublich kräftigen Armen von vorne, kniff ihr dann hinterrücks mit seinen Pranken ähnlichen Händen in die üppig geformten Pobacken und drückte ihr einen fetten feuchten Schmatz auf ihre Lippen. Sie zierte sich ein wenig und befreite sich mit leicht geröteten Wangen aus seiner aussagenden Umarmung.

„Mach schon, dass Du wegkommst, Du Riesenbaby“, befahl sie.

Er liess sie amüsiert los und begab sich zum Küchenausgang, allerdings nicht, ohne mit einem geschickten Griff ein Stück des noch warmen Apfelkuchens vom Blech zu stibitzen.

„Finger weg!“

Sie klopfte ihm mit einem Küchenhelfer auf seine wulstigen Hände.

„Der ist für die Kinder!"

Heute sollte nämlich Heu eingefahren werden, ein Fest für alle Kinder aus der Umgebung. Bauer Erichs Landwirtschaft wurde nämlich noch traditionell betrieben. Er besass keine Pressmaschine oder so ein Teil, wo das getrocknete Gras gleich zu Rollen verarbeitet wird. Hier wurde noch mit Harken und Heugabeln gearbeitet. Das brachte allen doch viel mehr Freude, und jeder genoss die persönliche und familiäre Atmosphäre. Nicht, dass Erich sich den technischen Kram nicht leisten konnte, nein, das war es nicht. Normalerweise brauchten sie die Landwirtschaft nicht mehr. Sie hatten längst für das Alter ausgesorgt. Es machte ihnen einfach nur Freude, die strahlenden Augen der Kinder zu betrachten, die ihnen bei der Heuernte behilflich sein durften und sich alle freuten, wenn Berta zur Kaffeepause ihren unübertrefflichen Blechkuchen und Kakao oder Limonade kredenzte.

Es war sehr heiss an diesem Tag. Eine Schar von Kindern hatte sich bereits auf der Weide versammelt. Erich kannte jedes einzelne von ihnen mit Namen und berüsste jedes mit Handschlag, um ihnen zu verdeutlichen, dass jedes von ihnen willkommen und unabkömmlich sei. Einige von ihnen kamen bereits seit Jahren und waren mittlerweile zu jungen Erwachsenen geworden. Es war gut, zu sehen, dass es ausser Computern und Nintendos auch noch andere Werte im Leben gab, die von den jungen Leuten geschätzt wurden.

Zur Kaffeepause erschien Berta mit ihrem Motorroller, dem angehängt, ein kleiner Anhänger folgte. Sie sah recht lustig aus, mit ihrem Sturzhelm und in ihrer Kittelschürze, auf dem kleinen Gespann. Auf ihrem Hänger befanden sich, aufeinander gestapelt, vier Bleche mit Kuchen, mehrere Kannen Kakao, kühle Limonade, etliche Becher und eine Thermokanne mit Kaffee, für ihren Erich. Karierte Küchentücher deckten die Bleche ab, um sie vor Staub und Ungeziefer zu schützen.

Berta wurde bereits sehnlichst erwartet und entsprechend begrüsst. Im Nu waren die Ofenbleche geplündert und man konnte ringsum „hhmmmmmhh“ vernehmen.

Die letzten Halme wurden auf den Heuhänger gepackt, dann ging es Richtung Scheune. Oben auf dem mit Heu beladenen Hänger sass die Jugend und flaxte.

„Passt auf, dass Ihr nicht runterfallt“, ermahnte Erich die Bande lachend.

Als sie an der Scheune angekommen waren, hatte Berta bereits die Luken geöffnet und das Transportband eingeschaltet, auf dem nun das getrocknete Gut den Heuboden erreichen sollte. Eigentlich war das der schönste Abschnitt des Tages. Welche warfen das Heu vom Hänger auf das Transportband, und andere nahmen es oben auf dem Schoberboden entgegen, um es zu verteilen. Wenn das alles erledigt war, durften die Kinder nach Herzenslust im Heu herumtollen, von der oberen in die untere Etage springen, in der Gewissheit, dass ihnen nichts geschehen könne. Viel zu weich war das Heu.

Ach ja, jedesmal, wenn es so weit war, erinnerten sich Erich und Berta an die Zeit, als sie selbst jung waren und vom Heuboden gesprungen waren. Hier hatten sie sich kennen gelernt und sich auch zum erstenmal geküsst. Sie zwinkerten sich zu, als sie beobachteten, dass die ältesten unter den Kindern den Heuboden erklammen, sich bei den Händen fassten und in die Augen schauend eine Etage tiefer in das duftende Heu sprangen. Sie beobachteten auch, dass sich hier eine neue Liebe entwickelte.

Schmunzelnd billigten sie das Treiben in ihrer Scheune. Das Quitschen und das vergnügte Lachen, hatte Erich auf eine Idee gebracht.

„Komm mal, ich glaube, wir sollten die erste Diele auf dem Boden mal überprüfen.“

Berta folgte ihm besorgt die Leiter empor. Oben angekommen bückte sich der Schlawiner tatsächlich, um angeblich das lose Brett in Augenschein zu nehmen. Sie befanden sich am Rand des oberen Dachbodens. Plötzlich nahm Erich seine Berta bei der Hand, schaute ihr verschmitzt in die Augen, und…….

Berta konnte nur noch einen Schrei lassen:
„Neiiiiiinnn Eriiiiiich!!!!!“ und schwups war Erich mit ihr in die untere Etage gesprungen.

Kichernd und lachend erhielten sie grossen Beifall aller Anwesenden.

„Boaah, Erich, das war total…., wie sagt man heutzutage....... g e i l, oder wie das heisst!“ rief Berta „NOCHMAL bitte!!!“

Schöner konnte der Tag nicht ausklingen. Bei einem abschliessenden Lagerfeuer sangen dann alle gemeinsam zur Gitarre Lieder, die man nicht mehr in der Schule, sondern nur bei Erich und Berta während der Heuernte lernt……

(c) Christiane Rühmann
Kommentar veröffentlichen