Der Dorfsheriff....... Teil 1

Sicher könnt Ihr Euch alle noch daran erinnern, wie es früher war. Nicht nur die Postboten strampelten auf ihren Fahrrädern ohne Gangschaltung durch die ländliche Prärie, sondern auch die Polizei.

Jedenfalls war das so bei der Polizei, bis die Beamten, die irgendwo in ihrem kleinen Heimatort ihr Büro hatten, mit Mopeds oder Rollern ausgestattet wurden. Da hatten Langfinger noch echte Chancen.....!

Unser Dorfsheriff, von dem die Geschichte erzählt, lebte oder lebt in einem 500-Seelen-Dorf in der Holsteinischen Schweiz.

Als mich meine Freiersfüsse 1979 nach dort verschlugen, hatte ich den Eindruck, als sei ich um mindestens zwanzig Jahre zeitlich zurück versetzt. Alles war so einfach, kaum anspruchsvoll.

Die Tornetze auf den Fussballplätzen waren mit Nylonstrümpfen geflickt, Störche hatten auf den riesigen Schornsteinen der oft mit Reet bedeckten Häuser, ihre gigantischen Nester, die zumindest angemeldeten Fahrzeuge waren zum Teil mit dreierlei verschiedenen Reifen (..lächel) bestückt. Bettwäsche wurde zum Bleichen auf die Wiesen gelegt und war mal irgendwo eine Scheibe kaputt, wurde sie einfach mit einem Stück Pappe repariert.

Man nahm diese Unregelmässigkeiten nicht so wichtig. Alles in allem war es urfurzgemütlich!

Selbstverständlich gab es in jeder kleineren Ortschaft auch eine Dorfkneipe und sogar meistens in jeder zweiten zumindest, eine Kirche oder Kapelle. In der Dorfkneipe war natürlich immer viel los, es tanzte der Bär, und das bereits vom frühen Vormittag an.

An einem Abend gingen mein späterer Mann und ich, auf ein Bier in eine solche Dorfkneipe.

Da H.W. aus der Umgebung kam, kannte man ihn und begrüsste ihn herzlich. Ich wurde da eher schon mit Skepsis betrachtet, und auch anfangs links liegen gelassen. Es ist also wirklich was dran an dem Ausspruch: "Die sturen Holsteiner".

Haben sie Dich aber erstmal in ihr Herz geschlossen, kannst Du Dich vor Fans kaum retten.

Wir gesellten uns also um den Tresen, bestellten ein Bier und H.W. kam sehr schnell ins Gespräch. Als er mich als seine Freundin vorstellte, war das Eis zumindest - na sagen wir mal - angepiekst.

Gebrochen war es erst, als ich eine Thekenrunde ausgab. Jemand fragte dann, ob wir mit knobeln wollten und so begann ein recht geselliger und feuchtfröhlicher Abend.

Etwa gegen 22.00 Uhr betrat ein Polizist, der dortige Dorfsheriff, den Gastraum. Er grüsste in die Runde:

"Moin moin", und alle grüssten zurück: "Moin Willi".

Willi gesellte sich ebenfalls an die Theke und brauchte nicht einmal sein Bier zu bestellen, der Wirt hatte es, wie selbstverständlich, von sich aus gezapft und vor Willi hingestellt.

Es folgten ein zweites und ein drittes Bier, bis er fragte (auf Plattdütsch natürlich): "Kann ich mit knobeln?"

"Jo", kam es trocken zurück.

Er rückte sich einen Barhocker zurecht, der sehr wackelig war, weil er bereits an einem Bein mit breitem Isolierband geflickt war, und stellte seine Regeln auf, die da lauteten: Die Verlierer sollten die ersten drei Runden in Bier bezahlen, danach könne man ja ums Strippen knobeln.

Alle schauten sich an und erklärten sich schmunzelnd einverstanden. Sie kannten das schon - und los gings.

Man lies Willi dreimal nicht verlieren. Die gewonnenen Biere schlürfte er triumphierend und breit grinsend, innerhalb von kürzester Zeit hinunter. Dann sollte es ans Eingemachte gehen und für Willi war Schluss mit lustig!

Von da an verlor er jedes Spiel!

Zwischendurch wollte er sogar den Platz wechseln, weil er glaubte, dass sein Pech davon abhängig sei, dass er auf diesem wackeligen Hocker saß.

Als Erstes legte er, seinen eigenen Regeln gemäss, zuerst die Mütze ab. Es folgten sein Koppel, als nächstes seine Jacke, dann sein Hemd, Unterhemd usw.

Seine wuscheligen Brusthaare liessen mich breit grinsen...

Mittlerweile war Willi so blau, dass ihm das scheinbar nichts mehr Etwass ausmachte. Im Gegenteil, sein Ehrgeiz, doch nochmal zu gewinnen, liess ihn immer weiter knobeln, Platz wechseln, schimpfen.....

Nachdem er auch noch seine Schuhe und die Socken "verloren" hatte, war nun seine Hose an der Reihe. Ich traute meinen Augen nicht!

Die Stimmung stieg, als er diese letztlich auch noch auszog. Alle Kleidungsstücke lagen auf einem Tisch, auch der Gürtel mit der Waffe in ihrem Schafft. Unglaublich - aber sehr lustig!

Willi stand nun also in seiner langen grauen Unterhose mit leichten bis mittelmässigen Gebrauchsspuren, in dem Gastraum und schnaubte vor Wut.

Er raffte seine gesamte Bekleidung, zog lediglich die Stiefel an, rollte alles in sein Jacket ein und begab sich nach draussen zu seinem Dienstfahrrad.


Hier schnallte er alles auf seinen Gepäckträger, setzte sich auf das Gefährt und strampelte, so gut wie unbegkleidet, murrend vondannen.

Es schallte ein grosses Gelächter durch die Dorfstrasse. Man wusste, dass er am nächsten Abend wiederkommen, als erstes seine drei Bier von gestern bezahlen und erneut sein Glück herausfordern würde, vielleicht diesmal beim Flippern oder Lügen....

Noch zwei- oder dreimal war ich mit in dieser Dorfschänke und alles wiederholte sich, wie beim Erstenmal.

Diese Geschichte schrieb das Leben und macht es sie wert, niedergeschrieben und erzählt zu werden.

Vielleicht ist Willi ja später versetzt worden und ist heute ein "world-wide-willi"................

Aus dieser kleinen Ortschaft wird es noch eine weitere winzige Episode geben, die Ihr im Anschluss an diese lesen könnt...

(c) Christiane Rühmann
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